Mutter Krüger war eine alte Frau. Sie war vor vielen Jahren – die Alten des Städtchens erinnerten sich undeutlich des Tages, unbegleitet und ungekannt in das Häuschen eingezogen, hatte mit einem stillen, Schonung gebietenden Antlitz die freundlichen Annäherungen der geschäftigen Nachbarn abgelehnt, um einsam, wie sie gekommen, in ihren vier Wänden zu verharren. Müßige Zungen ließen es an allerlei verdächtigen Reden nicht fehlen. »Sie ist eine durchgebrannte Frau, sie hat eine ›Geschichte‹,« flüsterten sie unter einander. Aber wenn sie gleich ihre Geschichte hatte – die verschlossenen, wehmütig herabgezogenen Lippen wahrten ihr Geheimnis gut, und mit der Zeit gewöhnte man sich daran, die hinkende Gestalt (Mutter Krüger schleppte das rechte Bein nach) – hinter den weißen Vorhängen des Vorderstübchens unter einer Wolke heißen Dunstes auf- und niedertauchen zu sehen und die energische Handhabung des Waschbrettes bis auf die Straße hinaus zu vernehmen.
Mutter Krüger hatte ihre regelrechten Kunden, solche, die sie allwöchentlich beschäftigten, und die sich aus Interesse für die redlich Arbeitende zu zeitweiligen Besuchen bei ihr herbeiließen. Diese Besuche der guten Stadtdamen waren für Mutter Krüger wenig erfreulich – destomehr aber entzückte sie die immer reichlicher werdende Schar kleiner Leute, die sich mit Leidenschaft an die einsame Frau anschlossen und in ihr die Vertraute allen Kummers und aller Freuden sahen. Wie doch Kinder hinter der verschlossensten Maske ein warmes Gemüt herauszufühlen wissen! Und wie auch wieder so ein Kindeslächeln die Eiskruste eines erkalteten Herzens hinwegzuschmelzen vermag! Von dem gramgefurchten Antlitz schwand mit der Zeit der wehmütige Hauch, und die Kinderwelt meinte, auf Erden keinen so neckischen Mund finden zu können, wie den ihrer alten Freundin, und keine verständnisvolleren Augen als die großen grauen ernsthaften der Mutter Krüger, die – wenn sie mißbilligten – so beschämend blickten. Die kleinen Schulmädchen erinnerten sich recht gut der Sache mit dem Ordnungsheft, das plötzlich vor der Prüfungszeit von den mit Tadeln reichlich bedachten Schülerinnen vernichtet worden war, und wie sie, die Missethäter, aus Furcht vor der ihnen drohenden Entlassungsstrafe drei Tage lang geschwänzt hatten. Mutter Krüger hatte sie gleich so seltsam angesehen, als sie zu ungewöhnlich früher Morgenstunde bei ihr eingetreten waren und verlegener denn sonst ihren Gruß erwiderten. Es war auch wohl ein Zufall gewesen, daß die Alte gerade Zeit hatte, von ihrem Waschfaß fortzuhinken, um sich vor den Kamin unter die kleinen Schelme zu setzen.
Toni Hellmuth erzählte später, wie merkwürdig es ihr gewesen sei, daß Mutter Krüger ihr wiederholt mit der feuchten Hand das Haar gestreift, nachdem sie, gerade sie, es wieder gewesen war, die jenen Schulstreich angestiftet! Ja, sie gestand sogar, daß sie nahe daran gewesen, der guten Alten die Sache zu verraten; aber da war gerade der Krach gekommen –
»Wie wir just um den Kamin so behaglich sitzen,« hatte Toni in ihrer knabenhaften lebhaften Art erzählt, »kam das Gepolter gegen die Thüre, und jede einzelne von uns wußte ganz genau, daß es der Lehrer war, und wie der Blitz waren wir von der Erde auf und hinter den Wäschehaufen versteckt, und da öffnete die Krüger langsam die Thür und richtig – es war der Lehrer!« Das Gespräch zwischen dem kleinen strengen Mann und der einfachen Alten wurde aufs genaueste von den versteckt lauschenden Kindern in der Stadt nacherzählt.
»Daß die Kinder Bertha, Elisabeth und Toni schwänzen – seit drei Tagen schwänzen – das wissen Sie gewiß,« hatte der gestrenge Mann lauernd, fragend, tadelnd gemeint und »Mein Herr« war darauf die ruhige Erwiderung der Alten.
»Und da das Trio bei den Eltern nicht aufzufinden war« – sprach der abscheuliche Mann, unbeirrt von der Zwischenantwort der Wäscherin mit seiner monotonen Lehrerstimme weiter, »so vermuten wir berechtigterweise, daß sie sich bei Ihnen – gute Frau – verbergen – hem! hem!«
»Herr,« hatte der Mutter Krüger leicht vibrierende Stimme gesprochen, »ich sagte Ihnen schon, daß ich von dem begangenen Streich nichts wußte; eines aber ist gewiß,« – hier machte Frau Krüger einen Schritt ins Innere des Zimmers und begann nachlässig den umhergestreuten Wäschestoß so aufzutürmen, daß das rotstruppige Haar Toni Hellmuths mit seinem verräterischen Wulst besser verdeckt wurde – »eines ist gewiß, Herr, unter all den Kindern Ihrer Schule ist kein einziges, das Mutter Krüger so wenig ehrt, um sie zu einer Hehlerin zu machen!«
In dem Zimmer war es still gewesen, nachdem der kleine Mann gegangen. Mutter Krüger war schweigend an ihren Waschzuber getreten. Ebenso schweigend kamen die kleinen Missethäter aus ihren Ecken hervorgekrochen, um sich mit verschämt gesenkten Köpfchen zur Thüre zu schleichen. Mutter Krüger aber hatte erst dann den Blick gehoben, als Toni Hellmuth, auf der Schwelle stehend, mit dunkelrotem verhülltem Antlitz ihr »ich schäme mich, Mutter Krüger,« gestammelt hatte, und Mutter Krüger nickte nur und lächelte sie mit dem alten Lächeln an.
Die kleine Begebenheit wurde nicht vergessen. Kinderherzen sind eigen rachsüchtig im Haß, wie sie eigen erkenntlich sind in der Liebe.
Die Arreststrafe wurde hart zugemessen. Tagelang blieben die Kinder vom Eisplatze und von der kleinen lieben Hütte verbannt, und als sie endlich wieder vor dem Häuschen erschienen, da lag auf den Gesichtern der Ausdruck eines rachedurstigen entschlossenen Vorhabens.