Mutter Krüger stand sinnend am Fenster und blickte auf die Straße hinab. Es hat immer sein Unheilkündendes, wenn Kinder dort, wo sie jubeln könnten, in kleinen engen Gruppen beieinanderstehen und finster – leise miteinander sprechen! Das stille Antlitz, mit den glattgestrichenen weißen Haaren und dem einverstandenen Lächeln sah mit gespannten Blicken auf die Kinder nieder. Vielleicht war es ein Ahnungsgefühl, was sie empfinden ließ, daß es etwas zu verhindern geben dürfte. – Mutter Krüger schloß leise die Gardinen, ging – Besorgungen heuchelnd, auf die Straße. Absichtlich einen Umweg machend, kam sie ganz unerwartet auf die Kindergruppe zu, welche sich froh überrascht der alten hinkenden Gestalt entgegenwarf. Die Stimmen klangen alle durcheinander. Mitteilsamkeit, Schwatzhaftigkeit, Vertrauensseligkeit, alles zusammen sprach sich in den leidenschaftlichen Erzählungen der Kleinen aus, und über alle anderen hob sich die Stimme Toni Hellmuths:
»Er hat uns jeden Tag nachsitzen lassen, und wer, denkst du, hat es verraten, daß wir bei dir waren?« Große Pause. »Der bucklige Zeitungsträger war's!« Dies mit einer staunenden Eröffnungsmiene und geheimnisvoll hastig. »Sie sollen aber beide was abhaben, wir machen uns große Schneebälle und thun diese Steine hinein, und der Lehrer muß doch hier vorüber, wenn er nach Hause will, und dann rufen wir dem Zeitungsjungen von drüben allerhand Schimpfnamen zu, so daß er wütend wird und herauskommt – – na, und wenn der Lehrer seine Steine an den Kopf hat, ducken wir uns ganz klein, so daß er uns nicht sieht und der abscheuliche Zeitungsjunge kriegt die Schuld. So! Ist es nicht großartig?« Das erregte Kindergesicht erhob sich voll rachedurstiger Entschlossenheit. Erst als sie geendet, sah Toni den eigenartig schmerzlichen Ausdruck in Mutter Krügers Angesicht. Die Finger ihrer runzeligen Hand umschlossen jäh und fest die vertrauensvoll in die ihren eingeschlichenen Kindesfinger und Toni sah geängstigt zu ihr auf.
»Was ist's, Mutter Krüger – bist du böse?«
»Böse?« Die alten Lippen sprachen langsam die Silben nach. Die Stimme klang trotz des wehmütigen Zuckens ihrer Lippe – tapfer ermunternd, wie fast: »Wie sollt' ich böse sein – ich denke nur soeben an ein kleines Mädchen, die in meiner Heimatstadt zu Hause war und – aber es ist kalt hier unten, ich hebe die Geschichte von dem armen Mädchen auf, oder – wollt ihr euren Plan verschieben und mit mir –«
»O ja, ja!« Wie gut die Alte ihre Kleinen kannte! Wie wohl sie wußte, daß ein jeder Plan in nichts zerfiel, sobald sie etwas zu erzählen sich bereit erklärte!
Hell prasselte das Feuer im Kamin. Es warf über das Stübchen, in das die Kinder eintraten – seinen goldigroten Glanz.
»Sie hieß Christine,« begann Mutter Krüger fast heiter ihre Erzählung.
»Kein hübscher Name – was? Und nun gar, wenn man ihn abkürzte und Christe rief, und das thaten die Straßenjungen gar gerne, und wenn sie sie ärgern wollten, fügten sie noch ein Wort hinzu und nannten sie ›lahme Christe!‹
Sie war nämlich – habe ich euch schon erzählt, daß sie lahm war? Sie war als Kind gefallen und daher kam es. Manchmal bemerkte man es gar nicht. Wenn sie in den Werktagen in einem alten Rocke der Bäckersfrau – bei der sie Kost und Logis erhielt – umherlief, und die Falten ihr im Schmutz des Weges nachschleppten, konnte man ihr Hinken zu den anderen willkürlichen Körperverdrehungen zählen, mit denen Christe die Nachbarschaft halb trotzig, halb geärgert unterhielt.
Christe war nie zur Schule gegangen. Sie mußte des Morgens und des Abends das frische Backwerk in der Stadt herumtragen und des Mittags lag sie auf den Straßen und trieb aus Langeweile oder aus schlechter Laune allerhand böswillige Streiche. Sie war – was man so einen Taugenichts nennt, und die Nachbarskinder hatten große Angst vor ihr und nur einer – der Kaufmannssohn – ja so, ich muß der Reihe nach erzählen, sonst wißt ihr ja nicht, wie sie zu der Freundschaft mit ihm gekommen war.«