Mutter Krüger atmete tief auf. Ihr Gesicht wurde nachdenklicher – ihr Blick wandte sich dem Fenster zu. Die Straßen lagen im Dunkel. Der Wind hob und fegte die Schneeflocken kreuz und quer durcheinander und warf sie spielend gegen die Fensterscheibe, so daß es in der Stille des Zimmers wie ein schüchternes Pochen erklang.
»Christine hatte ihn eines Morgens auf ihrem Rundgang durch die Stadt in einer Pfütze liegend und laut schreiend gefunden, aus der sie ihn, ohne viel Worte zu machen, herausgezogen und in ihrer derben gutmütigen Art recht ungeschickt unter der Pumpe eines Nachbarhofes gesäubert hatte. Möglich, daß sie ihn dabei geschüttelt oder gezerrt, bis er sein Zetergeschrei erhob. – Die Nachbarn kamen herbeigelaufen und stießen das Mädchen ziemlich unsanft von der Thüre fort. Christine ging trotzig ab. Sie ging an dem Kaufmannsladen nicht mehr vorüber, und wenn der kleine Bursche – der mehrere Jahre jünger war wie das Mädchen – sie anrief, machte sie ihm drohende Zeichen und schüttelte sich vor Abscheu, und wie er einmal über ihr Gebahren hell auflachte und ihr schmeichelnd einen Apfel hinhielt – ging sie – naschig wie sie war, auf ihn zu und aß ihn mit ihm auf. Sie wurden gute Freunde – diese beiden.
An einem Tage schlugen sie sich und dann vertrugen sie sich wieder und wenn sie sich gerade gezankt hatten, ging der Junge zerstreut umher – und vernachlässigte seine Schularbeiten so sehr, daß ihn der Lehrer dafür strafen mußte.
Dies paßte nun aber dem Kleinen gar nicht und eines Tages lauerte er voller Zorn den Lehrer an der Straßenecke ab, um einen ganz abscheulichen Plan, den er sich mit den anderen Knaben ausgedacht hatte – durchzuführen. Sie spannten nämlich eine dünne Schnur über den Weg, den der Mann zu gehen hatte, und was geschah? Der Lehrer denkt an nichts Arges – sieht in der Dunkelheit des Abends die Schnur nicht, stolpert – fällt und – das war das Schreckliche – bleibt wie tot liegen. Ja, ja, – wie tot, und der Junge, der das Unglück angestellt hatte, bekommt große Angst und rennt mit seinen Freunden davon.
Wie nun die Menschen gelaufen kamen, schrieen sie vor Schreck laut auf, und die lahme Christine, die den Lärm hörte, drängt sich heran und beguckt sich neugierig den Menschenhaufen. Wie sie aber dasteht – fällt es plötzlich den Leuten ein, daß eigentlich alle bösen Streiche immer von ihr angestellt wurden, und daß sie sich nun so dreist durch die Menge schob, machte die Menschen erst recht aufsässig.
›Natürlich war es wieder die lahme Brut,‹ schrie eine dicke Frau aus der Menge und
›Sie ist ein gefährliches Geschöpf!‹ riefen andere zurück.
Christine sagte gar nichts. Sie war vielleicht erschreckt oder überrascht oder auch nur zornig auf die Menschen, die so ungerecht auf sie schimpften. Sie biß die Lippen trotzig zusammen und warf den Kopf zurück, und wie man den wirklich schwer verletzten Lehrer aufnahm und forttrug, fielen die Leute über das Mädchen her und tobten – bis man sie festnahm. Das Kind sagte kein Wort. Sie ließ sich von dem herbeigerufenen Beamten abführen, und machte zu all dem Lärmen um sich her ein böses höhnisches Gesicht. Sie that so, als machte ihr die Sache gar nichts aus, und um die Wahrheit zu gestehen – sie machte ihr wirklich nicht viel, weil sie bestimmt erwartete, daß der kleine Kamerad aus dem Kaufmannsladen kommen würde und die Geschichte erklären, – denn Christe war ein gerechtes Mädchen – trotz ihrer Fehler, und daß man andere leiden lassen konnte – für selbst gethanes Unrecht, das konnte sie nicht glauben.«
Die Erzählerin schwieg und sah die kleine Gruppe von Zuhörern aufmerksam und ernsthaft an. Wie still sie saßen! Wie tief befangen die schamroten Gesichtchen sich zu Boden neigten. War's, daß Mutter Krügers Schweigen eine stumme Aufforderung enthielt – war's, daß in dem gerechten Herzen Toni Hellmuths, der Anführerin der Kinderschar – ein Etwas sie zum reuigen Handeln antrieb – das Kind stand plötzlich hochaufgerichtet vor dem Herde – die kleinen Hände griffen halb verlegen, halb mit Ungestüm die Steine auf, die für den geplanten Angriff in Bereitschaft lagen, und stieß sie, einen Seitenblick auf Mutter Krüger gerichtet, mit hastiger Geberde in das Feuer.
»Der erste Tag verging,« sprach die Wäscherin gedankenvoll zur Erde sehend fort, »der erste Tag und auch der zweite – dann der dritte, und – er – kam nicht.«