»O, wie abscheulich!« Der Ruf aus dem Munde des kleinen Mädchens ließ Mutter Krüger aufblicken. Das schmale Fenster rüttelte unsicher in seinen Fugen und eine Zugluft drängte sich durch die Ritzen und wehte die Vorhänge leicht auseinander. Die welken Hände der Alten schlossen sich über ihre Knie und der abwesende Blick ihrer Augen – die eigen verschleierte Stimme, mit der sie weiter sprach, gaben Zeugnis davon, daß sie für sich zu sprechen, sich allein zu sein wähnte.
»Er war feige,« stieß sie düster und kurz hervor, »feige und undankbar. Er bekannte nichts. Der Lehrer starb an den Verletzungen. Sein Tod machte die Leute neu erregt. Zuerst war das Geschehene wie ein Kinderstreich gewesen – jetzt nannte man es ein Verbrechen.
Das Gericht war milde – glaubte milde zu sein – das Mädchen wanderte auf zwei Jahre ins Korrektionshaus. Christine wurde – auf ihr verzweifeltes Leugnen hörte man nicht mehr – in die Anstalt jüngerer Verbrecher geschafft und der Kaufmannssohn blieb, ohne sich durch ein Wort als der wirkliche Thäter zu verraten – daheim.«
»Mutter Krüger – du erzählst doch weiter – es ist nicht das Ende?«
»Das Ende?«
Die Alte wiederholte die Frage der Kleinen halb zögernd. Ihr Blick ruhte auf dem Feuer. »Vielleicht,« sagte sie, »sollte es für euch zu Ende sein, denn das, was folgt – aber nein, ihr sollt das Ganze hören. Das Mädchen blieb zwei Jahre in der Anstalt – zwei Jahre lebte sie unter allerhand kleinen und großen Verbrechern und wie die Zeit herum war – da konnte sie gehen. Wohin? – Danach fragte keiner. Das lahme Ding wollte wohl arbeiten, aber wer traute einem Mädchen, das aus der bekannten Strafanstalt entlassen worden war. Wo immer sie anfragte, jagte man sie höhnend fort. Es wurde ihr schwer gemacht, ihr ehrliches Brot zu verdienen – wochenlang – Monate – sie hatte viele Tage des Elends verlebt und endlich – – kam er.«
Mutter Krügers Auge blickte starr – ihre Stimme sank zum Flüstertone herab – wieder war es wie ein Selbstgespräch, das sie führte.
»Er war groß geworden, der frühere Kamerad – groß und schön, und seine Stimme klang so wahr und reuevoll – es war die erste Stimme, die in ihrem Leben weich und liebevoll zu ihr gesprochen hatte – er sagte ihr, daß er sie überall gesucht, daß er durch sein so feiges Schweigen ihr Leben verdorben, daß er gut machen wollte, was er gethan. Er konnte nicht Ruhe finden, während sie allein und unglücklich blieb und darum müsse sie ihm folgen – bei ihm bleiben – auf immer.
Sie war um Jahre älter als er. Sie hätte daran denken sollen, anstatt – anstatt –.« Die Stimme erlosch. Mutter Krüger hielt, wie sich besinnend – die Lippen geöffnet – dann lachte sie wie in jähem Erwachen, – die Hand auf die Brust, und erhob sich rasch. »Hörtet ihr nichts? Kamen nicht Schritte?« fragte sie seltsam beklommen und ihre Augen wanderten zum Fenster. Immer dichter fiel der Schnee, immer schärfer tobte der Wind. Er stob wie in blinder Raserei die Flocken auf und warf die Fensterläden krachend aus den Angeln. »Es war der Wind!« Die Alte sagte es leise in der den Kindern altgewohnten bekannten lieben Stimme und »es ist spät ihr Kleinen,« fügte sie hinzu, »und die Geschichte ist zu Ende, Sie heirateten sich, diese beiden – und – mein Gott« – die Wäscherin lachte leicht auf und sprach mit geradeaus blickenden Augen, »sie war nicht mehr jung, sie war nicht schön, und er war beides, und es war nicht seine Schuld, daß er eine jüngere fand, die zu ihm paßte und deshalb nahm die Frau mit der traurigen Vergangenheit eines sonnigen Tages ihre paar Habseligkeiten und ging ganz still fort und suchte sich ein neues« – – Die Stimme der Alten stockte.
»Was war das?« Mutter Krüger stand totenbleich aufrecht. Die kleine horchende Schar schob sich ängstlich auseinander, da sich das Antlitz ihrer alten Freundin mit weitgeöffneten stieren Augen auf die Thüre richtete, auf deren äußere Schwelle Männerschritte fielen. Die Hand der Frau hob sich, wie in ahnungsvollem Schmerz und deutete – mit gebieterischer stummer Geste auf das Nebenzimmer, und wie zum Schutze der sprachlos hereinhuschenden gehorsamen Kleinen – schleppte sie mit Aufwendung aller Kräfte ihren zitternden Körper vor die Thüre des Stübchens.