Die kleine Mädchengestalt drückte sich eng an die alte Freundin. Mit unendlicher Weichheit legte das Kind ihre Wange an der Wäscherin Hand.

»Geh, Kind, geh!« Die Stimme der Alten war gepreßt, klanglos, und der greise Blick starrte verloren in die Dunkelheit hinaus. Die Kleine drückte sich, der Zurechtweisung nicht achtend, mit feinem Kindesinstinkt das Richtige fühlend, enger an die einsame Alte und blickte mit ihr geradeaus. Im Stürmen des Wetters, unter dem Rascheln der Läden und Thüren hallte auf dumpfem Schnee der Klang von schwer schleppenden aber festen Schritten.

»Er ist fort, Mutter Christine,« sagte sanft das Kind und beim Klang des Namens faßte die Einsame mit einem lauten Schluchzlaut das Kind in die Arme und weinte. Mit ihm zusammen trat sie an das Fenster und blickte lange schweigend in die Nacht hinaus, in der die Umrisse einer hohen vorgebeugten Gestalt in der Ferne sichtbar waren und allmählich im Dunkel der Nacht verschwanden. Und der Wind rüttelte an den Fensterläden um das einsame Haus und drinnen starrte noch lange ein altes gramgefurchtes Angesicht geradeaus ins Leere.

Lora.

Zehn Minuten noch und der große prächtige Dampfer verläßt den Hafen von New-York. Mit mächtigem Gedröhn rollen die schweren Kisten und Koffer den Perron entlang. Schrille Stimmen von kleinen und großen Obst-, Bücher- und Spielwarenhändlern tönen lärmend durcheinander, ein jeder hofft, sein Lager von auserwählt süßem Obst, von pikanter Reiselektüre, von turnenden Hampelmännern und tanzenden Schreipuppen vor Abfahrt des Dampfers zu verkaufen. Noch drängen sich auf dem Verdeck dichte Haufen von Menschen; Verwandte, Freunde derer, die binnen weniger Minuten Abschied nehmen werden, auf Wochen oder Monate, viele für immer. Mit schwerem Getöse rollen große Expreßwagen bis zur Seite des Dampfers heran. Geschäftig rühren sich die Hände der abladenden Arbeiter und der in empfangnehmenden Matrosen, deren aus heiserer Kehle tönender Seemannsruf wie klagend in das Ohr fällt, als traurige Mahnung, daß die Scheidestunde geschlagen. Noch lächeln die Lippen, noch leuchten die Augen; noch ist man ja beisammen. Ja, man scherzt sogar; man tändelt mit den Kinderchen, hebt sie lachend in die Höhe, um ihnen das gewaltige Wasser zu zeigen, in das sie in kurzer Zeit hinausrauschen werden. Einige ältere Leute stehen gebeugten Hauptes und blicken sehnsüchtig zum Lande hin. Soeben sind die Säcke mit Briefen angekommen, und werden mit lautem »Ohoi!« auf die breiten Schultern der braunen Matrosen geladen und aufs Verdeck geschleppt. Die Briefe bilden den Abschluß. Die Post ist angelangt, der Trennungsaugenblick gekommen! Als sei plötzlich ein Unglück eingetreten, das keiner vorausgesehen noch geahnt, bricht nun der Schmerz sich mit Heftigkeit Bahn, und krampfhaft liegen sie sich in den Armen, die vor wenigen Minuten noch gelächelt. Kein fröhliches Auge nun, kein scherzendes Wort mehr. Blasse, tieftraurige Gesichter ringsum .... Ein dichter, schwerer Dampf steigt mit sausendem Gezisch zum Himmel empor. Schrilles Pfeifen durchdringt die eingetretene Ruhe. Dreimaliges Geläute! ... Hellaufschluchzende Laute, ein Taumeln, Drängen, Klagerufe. Nochmaliges Läuten, Kettengerassel. – »Ohoi!« rufen die Matrosen, die Brücke fällt. Das Schiff stößt ab. Am Ufer stehen die Zurückgebliebenen. Thränenfeuchten Auges winken sie und lächeln den Scheidenden zu. Ein jeder sucht das ihm bekannte Auge und hemmt den Thränenlauf, um mit dem Tuche ein letztes Ade zu winken. Langsam, majestätisch gleitet der Dampfer aus dem Hafen.

Am vorderen Ende desselben steht, die Arme über die Brust gekreuzt, den breiten Hut zum Schutze gegen die Sonne tief in die Stirn gedrückt, ein hochgewachsener Mann. Er mochte lange schon so gestanden haben, seine Stellung hatte etwas unbewegliches, gewohntes. Tiefer Ernst prägte sich auf seinen schönen Zügen aus, Ernst und Mitleid. Sein Auge folgte der Gestalt eines Mädchens, das am hintersten Ende des Schiffes gestanden hatte und sich der Heimat zugewendet. Bleich, bebend, dann im heftigsten Schmerz laut aufschluchzend, war sie, als der Dampfer abstieß, auf das dem Lande nächstliegende Ende zugeeilt, hatte, den Oberkörper weit über die Brüstung des Verdeckes gelehnt, mit vorgestreckten Armen, als suche sie in dieser Geberde das Heimatland zu halten, sich dem vollsten Schmerze hingegeben. »Mutter! Mutter!« klagten ihre Lippen, als sie mit aller Kraft sich aufrichtend, das Land ihren Augen entschwinden und die Gestalten ihrer Lieben immer kleiner und undeutlicher werden sah. Als rufe dieser Klagelaut die so schmerzlich Ersehnte herbei, erschien an der äußersten Spitze des Perrons, von welchem das Schiff abgestoßen war, die hohe Gestalt ihrer Mutter. Das ergraute Haupt ihr zugewendet, mit blassem Antlitz, doch mutig ermunternd, traurig ihr zulächelnd, so erblickte das junge Mädchen noch einmal die Mutter, dann brach es mit lautem Aufschrei zusammen.

Der Unbewegliche am andern Ende des Schiffes war mit wachsender Teilnahme den Bewegungen des Mädchens gefolgt. Jetzt machte er einige Schritte, als wolle er ihr zur Hilfe eilen, blieb aber wieder stehen, als er die vielen bereitwilligen Hände sah, welche die Damen, durch den Aufschrei des jungen Geschöpfes von dem eigenen Schmerze abgelenkt, ihr darreichten. Jene richteten die Weinende auf und schienen eindringlich mit ihr zu sprechen. Es waren jedenfalls tröstende, milde Worte, die jedoch ihren Zweck zu verfehlen schienen, denn das Mädchen warf sich, die Hände vors Gesicht schlagend, auf die nahestehende Bank, wies mit heftigen Geberden die ihr zugeflüsterten Worte von sich und wandte den Umstehenden wie ein ungezogenes verwöhntes Kind den Rücken, gab sich dann, mit dem ganzen Eigensinn der Jugend, ihrem Schmerze hin. Verwundert und verletzt traten die wohlmeinenden Damen zurück und ließen sie allein.

Die Tischglocke hatte zum zweitenmale geläutet und noch saß das junge Mädchen auf der Bank. Die Hände ruhten gefaltet in ihrem Schoße. Ihr Auge blickte sehnsüchtig nach der Richtung hin, wo nur ein dunkler Streifen, gleich einer Nebellinie, das Heimatland bezeichnete. Die heftige Bewegung von vorhin hatte ihr das Haar gelöst, das nun in zwei vollen rötlichbraunen Zöpfen auf die Hände herabfiel. Der kleine Mund zuckte und die zarte Gestalt erzitterte noch in der Nachwirkung ihrer Erregung. Den Steward, der an sie herangetreten war mit der Aufforderung, gefälligst zu Tisch zu kommen, entließ sie barsch, dem zweiten, vom Oberkellner geschickten Boten, der frug, ob sie vielleicht oben etwas zu genießen wünsche, entgegnete sie, daß sie nichts wünsche als ungestört zu sein.

Auf der anderen Seite des Verdeckes hallten mit monotoner Regelmäßigkeit Schritte eines Mannes zu ihr herüber und veranlaßten sie, ihre Stellung zu verändern, um den so unermüdlich Marschierenden anzusehen. Es war derselbe, den sie bei Abfahrt des Schiffes so unbeweglich hatte stehen sehen. »Weshalb er wohl nicht zu Tische geht«, dachte sie. Die Schritte kamen näher. Der Mann, der sich allem Anschein nach für den alleinigen Inhaber des Verdeckes hielt, bog plötzlich um die vordere Seite desselben und stellte sich, das ernste Gesicht dem Lande zukehrend, dicht vor die Bank, auf der das junge Mädchen saß. Seine Gestalt versperrte ihr so den Anblick des Landes.

Mit dem eigenen Zartgefühl fein organisierter Wesen, denen es stets peinlich ist, unbemerkt Zeuge irgend welcher Empfindungsäußerung zu sein, fühlte sie sich veranlaßt, ihre Anwesenheit erkennbar zu machen. Eine leichte Bewegung, und er wandte sich um. Das junge Mädchen erblickend, zog er den Hut, trat dann mit einigen entschuldigenden Worten zur Seite. Sein Organ übte einen eigenen Zauber aus. Fühlte das Mädchen das Bedürfnis, mit jemanden zu sprechen, oder weckte der tiefe, volle Ton seiner Stimme ihr Zutrauen, sie wandte dem Manne ihr Gesicht zu und fragte, in der kindlich naiven Art eines Mädchens, das nur den Schmerz voll begreift, der sie selbst betroffen, indem sie ein braunes Augenpaar groß zu ihm aufschlug: »Haben Sie auch Ihre Mutter dort zurückgelassen?«