»Nein,« antwortete die tiefe Stimme, und ein Lächeln flog über seine Züge, das aber sofort wieder schwand, als er ernst fortfuhr, »nein, das habe ich nicht, denn um jemanden, den man liebt, zurücklassen zu können, muß man zuerst jemanden haben.«
Voll Interesse schaute sie zu ihm auf. Mit unverkennbarem Staunen frug sie: »Haben Sie keine Verwandten, keinen Bruder, keine Schwester?«
»Keinen Bruder, keine Schwester. Niemanden, gar niemanden. Sie sehen ordentlich erschreckt aus, mein kleines Fräulein! Sie können sich wohl kaum denken, daß man auf der weiten Welt keine Angehörigen haben kann.«
»Nein,« sagte sie einfach. Dann wandte sie die Augen von ihm ab und ließ den nachdenklichen Blick weit hinausschweifen über das Meer. Er folgte ihren Augen, und etwas näher an sie herantretend fragte er, und aus dem Ton klang es wie Bitterkeit: »Halten Sie sich darum für glücklicher, weil Sie eine Anzahl Menschen um Sie trauernd zurückgelassen und selbst ein trauerndes Herz mit fortgenommen, als z. B. mich, der ich keine Trauer verursache und keine empfinde?«
»O ja,« entgegnete sie rasch, »für viel, viel glücklicher. Wenn Sie nie traurig waren, können Sie nie recht froh gewesen sein, meine ich. Ich kann darüber nichts sagen, doch ich denke es mir entsetzlich öde und einsam, keinem Menschen auf der Welt anzugehören, keinen Menschen zu lieben.« Ihre Stimme hatte unwillkürlich einen leisen schwärmerischen Klang angenommen, der einen seltsamen Kontrast bot zu dem rauhen, dumpfen Schlag der Schraube.
»Öde und einsam,« wiederholte er, »jawohl, das ist es.«
Die Tischzeit war vorüber. Hier und da trat einer oder der andere der Passagiere aufs Verdeck, zog sich jedoch bald wieder in die unteren Räume zurück, da die kühle Abendluft den Aufenthalt auf dem Verdecke erschwerte.
Im Salon unten saßen sämtliche Passagiere der ersten Kajüte und versuchten es, sich auf diese oder jene Art und Weise untereinander bekannt zu machen. Noch schaukelte der Dampfer nicht, sondern glitt leicht wie eine Barke auf glatter See ins Meer hinaus.
Am zweiten Tage trat um 5 Uhr früh ein junges Mädchen leise auf den Fußspitzen gehend, als fürchte sie, die noch sanft in ihren Kojen schlafenden Mitreisenden zu stören, aufs Verdeck. Das kleine Deckhäuschen bot ein Bild wirren Durcheinanders; es wurde geputzt und gescheuert. Draußen angelangt, blickt sie erstaunt gen Himmel; es regnete nicht, und doch war das ganze Verdeck naß. Da hörte sie ein Plätschern, und sich umwendend, gewahrte sie, daß Seeleute das Verdeck reinigten. Mittelst eines Gummischlauches badeten sie dasselbe im wahren Sinne des Wortes; Stühle, Bänke, Fenster, Thüren, alles triefte.
Ein recht unbehaglicher Aufenthalt, dachte sie, und doch der kleinen engen Koje und dem schrecklichen Geruch von Maschinenöl in den unteren Räumen vorzuziehen. Die Kleider hebend, damit sie nicht mit dem feuchten Deck in Berührung kommen, stieg sie grüßend an den Matrosen vorbei bis zur Stelle, wo sie Tags zuvor aufs Land geblickt hatte.