Doch umsonst spähte das Auge nach der Stelle, wo sie ihre Lieben zuletzt gesehen. Wo sie hinblickte, sah sie das Meer und nur das Meer. Hilflos, bang, als bedürfe sie der Stütze, faßte sie nach der Lehne einer nahestehenden Bank; große Thränen füllten ihre Augen, und schmerzhaft zuckte der Mund. Die kleine Hand griff, als schmerze sie etwas, ans Herz und immer bleicher wurden ihre Lippen. Es nahten sich Schritte. Den Kopf wendend, gewahrte sie den Mann, der gestern mit ihr gesprochen. Tags zuvor war er ihr noch fremd gewesen, heute erschien er dem jungen Mädchen wie ein alter Bekannter, wie ein guter Freund. Mit dem ganzen Ausdruck der Wehmut, die sie erfüllte, auf ihn zueilend, ergriff sie mit ihren beiden Händen die ihr entgegengestreckte Rechte des Mannes, während sie ausrief: »Sehen Sie doch nur, wie schrecklich. Wir sind ganz allein und verlassen. Nichts als Wasser, dunkles, schreckliches, schäumendes Wasser. Kein Land! O, wie öde, wie öde!« Thränen erstickten ihre Stimme.
Ihre Hände fest umschlossen, führte er sie an das äußerste Ende des Verdeckes. Sanft, als spräche er zu einem leidenden Kinde, begann er: »Kein Land, das ist wahr, aber nur Wasser, nichts als Wasser, das ist nicht ganz richtig – sehen Sie doch!« Sie hob den Kopf, und folgte mit den Augen der Richtung seiner erhobenen Hand. »Dort oben,« sagte sie leise, »ja, dort ist der Himmel.«
»Sehen Sie also, verlassen sind wir nicht. Das ist derselbe Himmel, den Sie gestern auf dem Lande sahen, und da, schauen Sie 'mal hierher – ein Vogel. Nun, nun lächeln Sie wieder, der Vogel führt Sie dem Lande näher, nicht wahr? Aber das ist eine Täuschung. Diese kleinen Seevögel begleiten uns über's Meer hinüber, und nähren sich während der Reise von den Abfällen des Schiffes.« Leise seufzend heftete sie die Augen auf das grünliche Wasser, dessen weite Flächen sich ins Unendliche auszudehnen schienen. Sie wandte sich wieder zu ihm. »Ich kann nicht dafür,« sagte sie, »mir wird kalt im Herzen bei der trostlosen Leere dort. Mir ist, als ob eine Ewigkeit mich vom Heimatslande trennte, als sei ich so klein und winzig neben dem gewaltigen Meere, und so traurig, so weh ist mir, als dürfe ich nie mehr froh werden.« Der Mann blickte in das feine Gesichtchen, das sich zu ihm hob. Eine seltsame Rührung überkam ihn. »Welch ein Gemisch vom feinfühlenden poetischen Weibe und von reinem Kinde vereint sich in diesem kleinen Wesen,« dachte er. Laut entgegnete er: »Das macht das Neue. Es ist dies gewiß Ihre erste Seereise?«
»Ja wohl, meine erste, und ich hatte es mir so heiter gedacht.«
»Für eine so junge Dame, wie Sie es sind, gehört viel Mut zu dem Entschluß, allein über den Ozean zu fahren und sich den Stürmen des Meeres preiszugeben!«
»Das war Zufall,« erklärte sie. »Ich sollte in dem Schutz einer uns bekannten Familie bis nach Hamburg reisen. Wir leben im Westen, in Missouri, jene in Georgia. Wir verließen die Heimat acht Tage, bevor das Schiff abfahren sollte, um noch einige Städte zu besuchen, denn mein Papa ist Geschäftsmann, und wollte nebst dem mir zugedachten Geleit noch einige geschäftliche Angelegenheiten dortselbst besprechen. In New-York angelangt, erwarteten wir mit Bestimmtheit jene Familie zu finden, die mich mitnehmen sollte. Statt ihrer aber fanden wir unter den aus der Heimat uns nachgesandten Briefen einen, der die Nachricht von der plötzlichen Erkrankung des einzigen Kindes der Familie brachte. Unsere Freunde schrieben, daß sie ihre Reise um einige Wochen hinausschieben müßten und sprachen die Hoffnung aus, daß ich mich dann anschließen würde. Durch unsere frühe Abreise von zu Hause erhielten wir die Nachricht erst am Tage meiner Einschiffung! Es ist also Zufall und nicht mein Verdienst, daß ich allein reise. Zudem wurde uns gesagt, daß die Menschen unter einander sehr liebenswürdig seien auf einer Seereise, und nach Deutschland sollte ich nun einmal, weil ich kränklich bin – so bleich – sehen Sie nur!« Sie zeigte ihm ihre beiden feinen Hände.
Weiß, sehr weiß und wohlgeformt waren sie, und die Augen des Beschauers schweiften unbewußt bewundernd von ihnen weg über die zarte Gestalt des Mädchens, das mit solch reizender Einfachheit ihre Erklärung beendete. Die Sonne war aufgegangen. Ihre warmen Strahlen senkten sich wohlthuend auf die beiden Menschen herab, die wohl mehr als eine halbe Stunde in der feuchten, kühlen Morgenluft gestanden hatten.
»Wann fängt's denn an zu schaukeln,« fragte sie, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander gestanden.
»Das läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen,« erwiderte er, »haben Sie Sehnsucht danach, die Seekrankheit kennen zu lernen?«
»Die fürchte ich nicht,« war die rasche Antwort.