Sie fühlte seine Blicke auf ihr ruhen; er hielt ihr die Hand hin; wie von einem Magnete gezogen hob sie die Augen zu ihm auf. Dann legte sie schweigend, zusagend ihre kleine Hand in die seine.

Das Frühstück war vorüber. Der Kapitän hatte einige heitere Anekdoten erzählt, die nötige Anerkennung in Form des herzhaftesten Gelächters war ihm seitens der Gruppe von andächtigen Zuhörern, meistens aus älteren Herren bestehend, geworden. Diesem oder jenem Passagiere noch ein freundliches Wort zurufend, war er aus dem Salon in den langen Korridor getreten, wo ihm ein kleines Kind in den Weg kam, das er lachend in die Höhe hob, dann niedersetzte und jagte, dann haschte, dann wieder jagte, zur großen Befriedigung der Mutter, einer bleichen Frau, die lesend im Deckhäuschen saß. Mit dem Kapitän entfernten sich etwa vier Herren, um sich ins Spielzimmer zu begeben. Die weiblichen Passagiere saßen in Gruppen umher, teils mit Handarbeiten beschäftigt, teils lesend oder sich von ihren Kindern erzählend. Eine ganz unerwartete Senkung des oberen Endes des Dampfers ließ in der Thätigkeit der Nadeln, der Augen und der Zungen der Damen eine Stockung eintreten und angstvoll blickte man nach den Kindern.

Am Abend des folgenden Tages bot das Verdeck einen traurigen Anblick.

Mit Ausnahme von zwei Klappstühlen, die tief unter doppelten Plaids und Shawls ihre bleichen Insassen, zwei Herren, bargen, war das Verdeck leer.

Doch nicht, ganz oben an der Spitze des Deckes lag ausgestreckt auf der Bank ein junges Mädchen. Ein Kopfkissen zu Häupten, ein Plaid über die Füße gedeckt, so lag sie mit geschlossenen Augen und bleichen Wangen. In den auf der Brust gefalteten Händen hielt sie ein Buch. Der Wind wehte heftig, die Wellen schlugen hoch und spien wie die ungezogenen Kinder ins Schiff hinein. Ein Steward, der soeben dem einen Herrn einen Cognac gebracht hatte, ihn dann in den unteren Salon geführt, trat auf das junge schlafende Mädchen zu und redete sie an. Sie öffnete die Augen und erwiderte auf seine Frage, ob sie nicht lieber hineingehen wolle, da es anfange zu regnen, höflich aber ablehnend, es sei ihr oben wohler. Dann schloß sie die Augen wieder. Wie lange sie gelegen haben mag, sie wußte es nicht; als sie erwacht, bemerkte sie, daß es tief dunkle Nacht und der Regen heftiger geworden war. Leicht erschauernd versuchte sie, sich zu erheben. Kaum stand sie jedoch, als eine heftige Welle das Schiff hob, dann wieder senkte. Unter dem Einfluß dieser Bewegung mußte sie zuerst einen Seitensprung machen, wurde gleich darauf zurückgeschleudert und zwar in die Arme eines Herrn, der dort erwartungsvoll gestanden haben mußte.

»Nun, wie ist's,« fragte eine wohlbekannte Stimme, »schaukelt's genug?«

Er hielt sie umfangen und wiegte sich von Seite zu Seite harmonisch mit den Bewegungen des Schiffes. Als sie in der tödlichsten Verlegenheit schwieg, beugte er sich herab, um ihr ins Gesicht sehen zu können, und sagte ernst: »Soll ich Sie hinunterführen, mein kleines Fräulein? Nur mache ich Sie darauf aufmerksam, daß die drückende Luft in den unteren Sälen Sie wieder krank machen wird, ich rate Ihnen daher, sich lieber von mir stützen zu lassen und so lange wie möglich oben zu bleiben, wollen Sie?«

Ob sie wollte! In diesem Augenblicke hätte sie ins Wasser springen wollen, wenn er es ihr geraten. Er wartete ihre Antwort nicht ab. Den Arm um ihre Schultern gelegt, führte er sie an das Gitter, welches die erste Kajüte von der zweiten trennt. Dort war sie durch das Deckhaus vor dem heftigen Wind geschützt. Er stellte sich vor, ihre Hand noch immer haltend. »Waren Sie sehr krank?«

»O ja,« sagte sie, »und sehr trostlos.«

»Und Ihr Versprechen, im Falle Sie leiden, mich rufen zu lassen?« katechisierte er weiter.