»Ach, beide.«

»Gut, also beide. Auf meiner ersten Seereise, die ich vor zehn Jahren machte, wurde ich krank. Es war aber auch sehr stürmisch. Ich war auch leidend. Die See hat mich völlig wieder hergestellt.« Sein Ton wurde ernst, wie ihr schien sogar traurig.

»Wo ist Ihre Heimat? ich meine Ihre dauernde Heimat?« fragte sie.

»Eine Heimat habe ich nicht,« klang die tiefe Stimme, »ich sagte Ihnen ja schon, daß ich keine Angehörigen besitze, ich habe auch keine Heimat. Wenn das Schiff vor Anker liegt, und sie alle: Seeleute und Matrosen, zu den ihrigen zurückkehren, verbleibe ich, wie ein bestraftes Schulkind, auf dem Dampfer. Einmal glaubte ich mir eine Heimat gründen zu können« – er seufzte tief – »es ist lange her und das interessiert Sie nicht.«

Sie antwortete nicht. Nur beide Hände legte sie hastig auf seinen Arm, und in den braunen, voll zu ihm aufgeschlagenen Augen lag eine stumme Bitte. Er begann:

»Ich war Student der medizinischen Fakultät. Meine Mutter lebte noch, als ich eines Tages zu einer bekannten Familie gerufen wurde, um mit meinen schwachen Kenntnissen der Medizin auszuhelfen, da ihr Familienarzt verreist und die alte Dame, Freundin meiner Mutter, schwer erkrankt war. An ihrem Bette saß die aus der Pension heimgekehrte Tochter, ein schlankes goldblondes Mädchen, einige Jahre älter als ich. Ich widmete der Kranken meine vollste Aufmerksamkeit. Die Dame genas. Man lobte meine Behandlung und nannte mich ihren Erretter. Der Verkehr unserer beiden Familien wurde inniger. Lea, so hieß die Tochter, war still und ernst. Ich war es auch. Wenn ich öfters in den Dämmerstunden zu ihren Füßen auf niederem Schemel saß und ihr von meiner Zukunft sprach, die ich immer und immer mit der ihrigen verband, und sie stillglücklich lächelnd mit ihrer weißen Hand mir übers Haar fuhr, dann glaubte ich auf der Welt keinen Wunsch mehr zu haben, als daß diese Stunden ewig dauern möchten! Wir hatten niemals von Liebe gesprochen, wozu auch Worte! Wußten wir doch beide und fühlten, was in unseren Herzen lebte. Meine Mutter erkrankte. Ein bösartiges Fieber raffte sie nach drei Tagen unsäglichen Leidens dahin. Lea hatte mir in der Pflege der Verstorbenen treulich zur Seite gestanden. Die Hand der Sterbenden lag segnend auf unseren Häuptern. Ich war allein! Am Tage nach der Beerdigung sprachen wir zum erstenmal bestimmtes über unsere Zukunft. Sofort nach Beendigung meiner Studien, in einem halben Jahre also, wollten wir uns vermählen und das Haus meiner Mutter beziehen.« Er hielt inne, holte tief Atem, fuhr dann langsam fort. »Die Anstrengung der Nachtwache, die starke Nervenerregung, endlich die nasse Fahrt nach dem Kirchhof, alles zusammen mag wohl dazu beigetragen haben, daß Lea, ein schwachorganisiertes, schmächtiges Mädchen, einige Tage nachdem wir die Mutter zur Ruhe bestattet, an demselben Fieber erkrankte und nach acht langen, langen Nächten – fortging – und mich zurückließ, vereinsamt, verzweifelnd. Es hielt mich nicht mehr in der Heimat, wo alles mich an die Teuren erinnerte. Mein Lebensglück war zerstört, ich mußte fort. Ich hatte erfahren, daß ein Kollege von mir als Schiffsarzt angestellt worden war. Auf dem Meere, dachte ich, auf dem wilden brausenden Meer, dort ist vielleicht ›Vergessen‹. Mit fieberhafter Hast warf ich mich über meine Studien her. Ich machte mein Examen. Die höchsten Atteste standen mir zur Seite. In kurzer Zeit erhielt ich die Ernennung zum Schiffsarzt. Als ich in voller Thätigkeit das schöne, unendliche, gewaltige Meer kennen lernte, da fühlte ich zuerst wieder, daß das Leben noch Wert hat. Zehn Jahre sind darüber hingegangen. Ich bin ruhig geworden. Manchmal packt's mich mit unsagbarem Weh – ein Gefühl von Vereinsamung schnürt mir das Herz zusammen, wenn wir uns dem Lande nähern. Draußen auf dem Wasser, da wird's hier drinnen erst wieder ruhiger.« Er hatte die Rechte auf die Brust gelegt und mit einer ihm eigenen heftigen Geberde des Kopfes das volle Haar aus der Stirne geschüttelt.

Es war spät geworden. Sie schwiegen beide. In dem kleinen Deckhäuschen waren die Lichter bereits gelöscht. Der Mann fühlte, wie eine weiche Mädchenhand leicht über sein Haar fuhr, hörte die leise geflüsterten Worte »gute Nacht – ich danke Ihnen« und bevor er es hindern, bevor er ihr behilflich sein konnte, war sie an ihm vorüber in die untere Kajüte gehuscht.

Drei Tage waren vergangen. Sie hatten sich nicht wiedergesehen. Die Fahrt war stürmisch geworden. Die meisten Deckpassagiere lagen krank. Der Arzt hatte alle Hände voll zu thun; vorzüglich fand er unter den Armen im Zwischendeck Beschäftigung. Ein Kind war schwer erkrankt – die schlechte Luft, der ungesunde Dunst des großen, aber niederen Schlafraumes, in dem Männer, Frauen und Kinder nebeneinander zu liegen kamen, hätten den Zustand des leidenden Kindes verschlimmert – es wurde also auf Anordnung des Arztes in das sogenannte »Hospital« geschafft, ein Raum, auf dem Korridor der zweiten Kajüte gelegen, wo es reinlich gehalten, sorglich gepflegt werden konnte, und wo es in der unbedingten Nähe des Arztes sich befand.

Fräulein Lora mußte sehr krank sein. Oft, sehr oft, entschlüpfte er dem Krankenzimmer, um sehnsüchtig suchend das Verdeck zu durchwandern. Vergebens! Sie blieb unsichtbar. Er wurde mit rücksichtsloser Aufdringlichkeit von den Erkrankten der ersten Kajüte in Anspruch genommen, ja, man scheute sich nicht, ihn des Nachts zu überfallen, eines erneuten Anfalls von Seekrankheit halber, gegen die er doch machtlos war; nur die eine, von der er sehnlichst wünschte, gerufen zu werden, sie blieb fern. Einmal erkundigte er sich bei der Mitgenossin von Loras Koje nach ihrem Befinden; er erfuhr bei der Gelegenheit, daß sie nicht seekrank gewesen sei, nur an Kopfschmerzen litte, und nicht zu bewegen sei, aufzustehen, da ihr, wie sie sagte, liegend wohler sei. Er hätte ihr so gern ein linderndes Mittel geschickt; er kannte die Qualen der sogenannten »Seekopfschmerzen«; doch sein Stolz verbot ihm, seine ärztliche Hilfe aufzudringen.

Wieder war es Nacht. Die Reisenden hatten sich zur Ruhe begeben. Alle Lichter waren gelöscht, bis auf das eine, das stets des Nachts im Salon matt zu brennen pflegte. Über den Häuptern der noch nicht Entschlafenen dröhnten geräuschvoll die Schritte der Seeleute, die mittelst einer geknoteten Leine die stündlich zurückgelegte Meilenzahl erforschten. Die Leine mit dem Bleigewicht wurde ins Meer geworfen. Von Knoten zu Knoten zählte eine Meile. In längeren Zwischenräumen wurde die Leine, naß und schwer, von den Matrosen aufgewunden. Vornüber gebeugt zogen sie dieselbe auf ihren Schultern nach sich. Es wiederholte sich dieses Schauspiel täglich einigemale, dennoch entbehrte es nie der Zuschauer, die der Operation mit großem Interesse folgten.