Auf der See, abgeschlossen von alle dem, was in der Welt vorgeht, auf sich selbst und die nahe Umgebung der Mitreisenden angewiesen, hat man naturgemäß ein Interesse für all und jedes. Man klammert sich auf der Seereise an jede Kleinigkeit, die besprochen werden könnte. Da man keine fortschreitenden Ereignisse in Erfahrung bringt, so ergreift man eben die unwesentlichen Dinge, die sich auf dem Dampfer bieten, und behandelt sie mit demselben Eifer, wie man auf dem Lande etwa politische oder Börsenangelegenheiten bespricht.
Zu den spannendsten Neuigkeiten der Reise gehört denn in erster Linie die Zahl von Meilen, die zurückgelegt worden sind, also die Knoten der Meßleine. Darum störten auch in dieser Nacht die dröhnenden Schritte der Matrosen die müden Reisenden nicht, sondern trösteten sie vielmehr mit der Hoffnung, am folgenden Tage eine Neuigkeit zu erfahren.
Eine Stunde später! Der Kapitän mißt mit unruhigen Schritten das Verdeck. Mit zusammengezogenen Braunen blickt er hinaus in die nebelumzogene Nacht. Der erste Offizier nähert sich ihm, erhält einige Anweisungen, tritt dann an seinen Posten zurück. Seinen Regenmantel fester um sich ziehend, besteigt der Kapitän die wenigen Stufen, die zu dem kleinen Pavillon hinaufführen, zu dem nur er selber Zutritt hat, und den er nur dann besteigt, wenn das Schiff seiner speziellen Anleitung und Fürsorge bedarf. Ein heftiger Nordwind hat sich erhoben, der pfeifend das Schiff umkreist. Das Marssegel hatte sich losgerissen, und schlug nun, vom Winde gepeitscht, dröhnend gegen Taue und Mast. Hochauf bäumt sich das Schiff, mächtig rollen und zischen und poltern die Wellen dagegen, und leise, wie eine Klage, tönt der Pfiff des Schornsteins, in abgestoßenen kurzen Tönen, den andern Seglern zur Warnung! Bleich, ängstlich fahren die Passagiere aus ihren Betten, blicken sich an und nicken verständnisinnig; keiner wagt das Wort »Sturm« auszusprechen. Da erscheint die breite Gestalt des Arztes im Salon. Die geängstigten Passagiere erblickend, lächelt er, und auf ihre bangen Fragen, »ob's denn wirklich jetzt schlimm gehe,« beruhigt er sie mit der Versicherung, daß der Kapitän selbst auf dem Pavillon sei und keinen Sturm voraussehe. Das Alarmsignal sei nur um des Nebels willen, der sich übrigens auch schon verziehe. Getröstet legen sie sich wieder zur Ruhe. Nicht so der Arzt. Mit verschränkten Armen lehnt er sich gegen die Wand, die eine Koje von der andern trennt, und blickt unverwandten Auges auf die gegenüber liegende Kajüte, von der soeben eine kleine Hand den schweren Vorhang zurückschiebt und eine Mädchengestalt erscheint: – Lora.
Vollständig angekleidet, das aufgelöste Haar weit über den Rücken hinunterwallend, stand sie einige Augenblicke gegen den Sessel gelehnt, der neben ihr stand. Sie wartete, bis das Schiff das Gleichgewicht wieder erlangt hatte, dann erhob sie den Blick zu dem Manne, dessen Augen mit Teilnahme und Besorgnis auf ihr ruhten, und schritt rasch auf ihn zu. Ohne seine Stellung zu verändern, nur die eine Hand ihr entgegenreichend, erfaßte er sie und zog sie dicht an seine Seite. Keiner von beiden wunderte sich über die Anwesenheit des andern. Es erschien jeder, den andern dort zu finden, gewiß.
Der Dampfer machte einen gewaltigen Satz. Der junge Mann legte seinen Arm um die Schultern des jungen Mädchens, neigte den Kopf zu ihr, und berauschend wirkte der tiefe Ton seiner Stimme auf sie, als er leise sprach: »Fürchten Sie sich, Lora?« Beim Klang ihres Namens zuckte sie leicht zusammen. Den Kopf hebend, erwiederte sie leise, fast schüchtern: »Jetzt nicht mehr.«
»Jetzt nicht mehr,« wiederholte er vorwurfsvoll. »Sie haben sich also gefürchtet und sind nicht gekommen? Krank waren Sie auch, und Sie riefen mich nicht? War das recht?«
»Recht, recht! O Herr Doktor. Wenn Sie mir doch sagen wollten, was recht ist! Als es diese Nacht so recht stürmisch zu werden drohte, da überkam mich plötzlich eine Todesangst, nicht vor dem Sturm, sondern vor mir selber. Ich hatte seit vier Tagen nicht ein einzigesmal an die Meinen zu Hause gedacht. Ich habe des Abends vergessen, für sie zu beten. Ich wußte nichts, als daß ich ein pflichtvergessenes Mädchen bin, und doch konnte ich nicht anders sein, es zwang mich etwas, ich konnte an nichts denken als an« – sie stockte, warf plötzlich beide Hände vors Gesicht – und schluchzte laut. Ebenso rasch aber trocknete sie ihre Augen und sprach leise, bang wie ein Kind: »Wenn ich früher, zu Hause, unartig gewesen war, und es brach plötzlich ein Gewitter los, dann pflegte meine Mama zu sagen: ›Jetzt kommt die Strafe für deine Unart.‹ Ich glaubte auch immer daran, und heute Nacht, als der Wind so heulte, da war mir's als höre ich die Mutter sagen: ›Wer Vater und Mutter vergißt, dem zürnt der liebe Gott‹ – und ich, ich hatte ja alles, alles vergessen, mir mußte der liebe Gott ja zürnen.« Sie hatte die ersten Worte leise, zaghaft gesprochen, jetzt nahm ihre Stimme einen leidenschaftlich erregten Ton an, der sie erschreckt inne halten ließ. Ihre Brust wogte, ihr Atem ging rasch, die kleine Hand, die er wieder erfaßt hatte, zuckte fieberhaft. Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fuhr sie fort: »Die Dame, die mit mir die Koje teilt, weinte und betete. Ich versuchte anfangs auch zu beten – aber ich konnte nicht – es trieb mich hinaus – ich wollte – zu Ihnen kommen! Ich wollte Sie fragen, ob's sehr unrecht war, daß ich etwas that, was – was« –
»Lora,« unterbrach er sie und seine Stimme zitterte, »wenn Sie etwas thaten, weil Sie Ihr Herz dazu trieb, dann war es kein Unrecht.« Er stockte, wandte sich plötzlich und schlang beide Arme um sie, während er flüsterte: »Und wenn du seit vier Tagen unaufhörlich an mich denken mußtest, so konntest du nicht dafür, weil du mich liebst, mein süßes Kind, wie ich dich liebe, und weil du mein bist, du kleines, banges Geschöpfchen, mein auf immer und ewig!«
Beide Arme um seinen Hals geschlungen, lag sie an seiner Brust. Eine Weile preßte er sie an sich, dann sprach er: »Nun sieh mich mal an, Lora, mich, den abscheulichen Schiffsarzt, den du so lieb hast, daß du um ihn das Leben vergißt.« Den Arm um sie legend führte er sie an ihre Kajüte, dann blieb er stehen, faßte ihren braunen Kopf zwischen seine Hände, hob ihn hoch, küßte sie auf die Lippen und sagte leise: »Nun wird mein Lorchen wieder an die Mama denken können – nun wird sie auch wieder beten lernen, nicht wahr? Gute Nacht, schlafe jetzt. Ich muß zu einem kleinen kranken Kinde und Lora muß schlafen,« fügte er sanft aber entschieden hinzu, als ihre kleinen Hände die seinen umklammerten, als wolle sie ihn halten, »sonst habe ich morgen zwei Patienten.«
Als der Morgen graute, war das Meer still und glatt, der Himmel wolkenlos. Die Sonne schien hell und warf ihre Strahlen auf das blaue Meer hernieder, daß es wie Gold erglänzte.