Zwei Jahre später. Auf dem Verdeck eines Dampfers, der von Havre abstieß, stehen zwei Menschen eng aneinander gelehnt. Ein hochgewachsener dunkler Mann, ein zartes, schönes Weib. Sein Kopf neigt sich zärtlich zu ihr nieder; er flüstert leise Worte, die sie erröten lassen. Den Arm um sie schlingend führt er sie zur äußersten Spitze des Dampfers und bleibt hinter dem Maschinenhäuschen stehen, um das Meer zu betrachten. Es ist Abend, eben erhellt der Mond das Dunkel. »Sieh doch, Max,« spricht die kleine Frau, den Kopf von seiner Brust hebend und sich über die Brüstung des Schiffes neigend, »sieh doch ins Wasser, ist's nicht gerade als funkelten Sterne dort unten?«

»Jawohl, so sieht es aus,« antwortete die tiefe Stimme des Mannes, »und wenn eine gewisse kleine Dame vor zwei Jahren nicht so verliebt gewesen wäre, daß sie taub und blind wurde für jedes poetische Gebilde auf dem Meere, so hätte sie das wunderbare Spiel der Sterne schon damals kennen gelernt.«

»Daran erinnerst du mich vorwurfsvoll,« schmollte sie, »ich schäme mich des Gefühls durchaus nicht, ich weiß erst, wie süß das Leben ist, seit ich die Liebe kenne.«

»Mein Lorchen!« Seine Stimme hat an Wohlklang nicht verloren, sie wirkte noch ebenso berauschend auf das junge Weib wie damals, als sie, ein halbes Kind noch, sich gegen den Zauber sträubte und wehrte. Der Mond wirft sein gelbliches Licht auf ihre feine Gestalt und erhellt den Glanz ihrer Augen, als sie, sich innig an ihn schmiegend in dem leisen kindlich reizenden Ton von früher spricht: »Max, sage die Wahrheit, liebst du mich ebenso innig, als du damals Lea liebtest?« Er umschlingt sie leidenschaftlich.

»In meinem Herzen,« spricht er, »lebt nur ein Bild, das meiner Frau. Bist du zufrieden?«

Wie ein schmeichelndes Kind lehnt sie den Kopf an seine Brust und streichelt mit der kleinen Hand seinen Arm. »Darf ich nun auch etwas fragen, gnädige Frau?« lächelt er. »Wie steht es mit dem Schiffsarzt? Ist er ein abscheulicher, arroganter Mensch? Lorchen, du hast's doch verdient, daß ich dich, deiner Schmähungen halber, auf ewig an ihn kettete, nicht?«

»Wenn du es darum thatest, so danke ich Gott, daß er mich so strafte,« flüsterte sie leise, innig.

»Meine kleine Heilige!« Sich umschlungen haltend blickten sie lange hinaus in das glänzende sternenbesäete Meer.

Haß und Liebe.