Haß.
»Norine, Norine! Wo steckt sie nur wieder?«
»Ja – ruft Ihr nur!« Die Gerufene hockt – die Füße dicht an den Leib gezogen, eng zusammengekauert – in der dunkelsten Ecke des im Hofe gelegenen Katzenstalles und horcht mit trotzig aufgeworfenen Lippen in souveräner Nichtachtung auf die Rufe der alten Köchin. »Könnt immerfort rufen!« sagt sie entschlossen leise, und ihre jungen Katzen an sich ziehend, brütet sie sich fest und immer fester in ihren Entschluß hinein. Ja – sie war mit sich einig. Sie würde sie nicht empfangen. Es hätte des zufällig von ihr überhörten Ausspruchs der alten Köchin, »daß Stiefmütter alle Hexen seien«, nicht erst bedurft, um sie zu bestimmen, nachdem sie Paul Dierkes, des Bäckers Jungen, hatte auf der Hintertreppe des Ladens sitzen und zur Mittagsstunde eine unbestrichene harte Semmel verzehren sehen.
»Wenn man eine rechte Mutter hat,« philosophierte sie, »so bekommt man ein warmes Mittagbrot in einer Stube, und braucht nicht, wie der arme Paul Dierkes, eine unbestrichene Semmel – – und auf der Hintertreppe« – Norine wußte es eigentlich selbst nicht, wie es unter der Leitung einer »rechten« Mutter zuging. Sie hatte die eigene nicht gekannt – Norine wußte auch nicht, daß der vielbeklagte Paul Dierkes an ebendemselben Tage einige Kuchen aus dem Bäckerladen heimlich entwendet hatte, welcher Thatsache er es dankte, daß er zu Mittag eine Semmel verzehrte, aus Furcht vor der Strafe, die ihn gerechterweise von seiten der Eltern bei seiner Heimkehr treffen mußte.
Norine saß also – während die Stiefmutter erwartet wurde – zusammengekauert in dem Stall bei ihren Katzen. Der aus Brettern aufgebaute, sehr zerfallene Raum mochte vor Zeiten eine Wagenremise vorgestellt haben – spätere Bewohner des Hauses hatten ihn zur Herberge eines Pferdes eingerichtet, und jetzt diente er endlich der Familie Raimond als Holzkammer, während Norine sich darin eine Abteilung für ihre Katzen reserviert hatte – die sie allmählich ausdehnte – so daß nur noch ein geringer Teil des Stalles dem Hause, ein großer aber dem Kinde als Spielort diente. An dieser Stelle durchlebte Norine die Freuden und Leiden ihres jungen Daseins. An dieser Stelle pflegte, fütterte, unterhielt sie ihre alte Mietz und deren schneeweiße Jungen – an dieser Stelle empfing sie, gegen das Verbot des Hauses, ihren Spielkameraden Paul – an diese Stelle endlich trug sie ihren Zorn bei der Vermeldung des väterlichen Entschlusses, dem Hause eine Vertreterin und ihr – Norine – eine zweite Mutter zu geben. Und diese Vermeldung! Sie war ebenso kurz und zerstreut und gütig gemacht worden, wie der Vater eben alles machte, was ihn von seinen Büchern ablenkte. Er hatte allerhand dem Kinde unverständliches gesagt von Vormundschaft einer gebildeten Dame, deren Mutter plötzlich gestorben – von Pflichten als langjähriger Freund der Toten und von ernstester Sympathie und dergleichen mehr. Norine hatte halbverwirrt zugehört und den Vater abreisen sehen, und von irgendwoher war eine Meldung angelangt, die seine Verheiratung ankündete. »Komme in drei Tagen an!« hatte der Bericht gelautet und seither rannten die alte Doris und die schnippische Lisbeth fortwährend treppauf treppab, um zum Empfang der neuen Herrschaft alles »blank« zu machen, wie Doris sagte. Ja, sie konnten rennen! Norine hatte sich die Sache nach allen Seiten beleuchtet – das Endresultat blieb dasselbe. Sie brauchten keine Frau im Hause. Was sollte sie da? Der Vater hatte ja seine Bücher und sein Essen brachte die Doris immer zur rechten Zeit, und seine Kleider wurden auch manchmal gebürstet. – Das hatte Norine gesehen. Wozu brauchte man also eine Frau? Norine hatte gehört, wie eine Nachbarin zur alten Doris sagte, »es sei Zeit, daß das Kind eine Mutter bekäme.« – Das Kind! Damit hatte man sie gemeint. Na, sie wollte ihnen allen schon zeigen, daß sie keine Mutter brauchte, und da konnten Doris und die schnippische Lisbeth sich zum Empfang der neuen Dame immer putzen. Sie rührte sich noch nicht einmal von ihren Katzen weg, und wenn sie noch so zottelig um den Kopf wäre und noch so beschmutzt vom spielen. Norine besah sich die kleinen Hände. Ja, beschmutzt waren sie, aber das war ihr eben recht so. Wen kümmerte es, wenn – horch! Wagengerassel. Norine bog den Nacken horchend vor. Ja – richtig! Da marschierten auch schon Doris und die Lisbeth mit den Feldblumensträußen aus der Küche herauf.
»Norine! Norine!«
»Ja – ruft nur!« Das Kind hat mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit ihre Kätzchen an sich gelockt. »Die kann lange rufen,« flüstert sie dem einen Tierchen ins Ohr und kichert verstohlen in sich hinein.
»Norine, der Wagen kommt. Wo bist Du?« Die Stimme erschallt im Hinterhof. Das Kind bleibt unbeweglich sitzen, die Blicke fest und trotzig auf die Thüre geheftet. Sie fährt im nächsten Augenblick zusammen, da Doris vor ihr steht.
»Norine – du läßt mich immerfort rufen. Komm' rasch – der Wagen –«
»Laß ihn kommen!«