»Du kannst ja gehen,« gab Paul in unlogischer Erwiderung zurück und gleich darauf, »was ist es denn für'n Vogel?«
Sie hatten sich, indem sie sprachen, gegenseitig der Thüre zugeschoben. Nun, da sie auf der Außenschwelle standen, marschierten sie ohne weitere Kommentare auf die Hintertreppe zu, und waren – ehe sie sich's recht eigentlich bewußt waren – an der offenen Thüre des für die Stiefmutter neu eingerichteten Wohnzimmers.
In der Mitte des behaglichen kleinen Raumes stand die junge Frau. Sie hatte den Rücken zur Thüre gekehrt, während sie, vor einem Vogelbauer stehend, dem zwitschernden Tierchen durch die Goldstäbe seines Käfigs ein Stückchen Zucker hinhielt.
»Kommt nur herein!« sagte sie, ohne sich umzuwenden, und Paul schob Norine mit knabenhaft verlegenem Ellenbogenstoß in das Zimmer. Er folgte langsam und hielt sich – Gleichgültigkeit heuchelnd – in der Nähe des Ausgangs.
»Er heißt Jack – mein Vogel,« sagte die junge Frau, einen freundlichen Blick auf das Mädchen werfend. Da das Kind, ohne seine feindselige Miene abzulegen, stumm zu dem gelben Tierchen aufsah, sprach auch sie während einiger Minuten nichts. Es entstand eine kleine Pause in der das Vögelchen lustig weiter zierpte und an dem Zucker pickte. Plötzlich wurde das Schweigen unterbrochen.
»Woher haben Sie'n?« fragte Paul in dreister Neugier, und die Antwort kam sehr rasch und in eigenartig tiefem Tonfall.
»So?« Es war wieder der Junge, der das kleine Wörtchen in gedehnt gleichgültiger Manier sprach, und Norine stellte – in dem Bestreben, es ihm gleichzuthun – ihre erste Frage. »Wo ist sie?«
»Sie ist gestorben,« erwiderte die junge Frau, und die Kinder bemerkten, daß sie leise – ein wenig heiser sprach. »Sie war lange krank, aber ich mußte ihr jeden Tag den kleinen Jack an ihr Bett stellen, damit sie ihn selbst fütterte. Bevor sie starb, gab sie ihn mir. Du begreifst, wie ich ihn lieben muß – und wie –« sie brach plötzlich ab. Hatte sie doch zu sehr auf das Gemüt des Kindes gerechnet, oder war bei dem trotzig dastehenden Kinderpaar der Begriff »kindliche Liebe« noch nicht erwacht?
Über das Antlitz der jungen Frau zog ein Schatten, als sie sah, wie der Knabe den Mund über den gelblichen Zähnen schief zog – wie dann das Mädchen – einen verständnisvollen Blick zu ihm aussendend – mit ihm zugleich in eine spöttische Lache ausbrach und davonlief.