Im Zimmer stützte sich die junge Stiefmutter schwer auf einen Sessel. »Es ist nicht leicht,« sagte sie leise vor sich hin – und mit der Hand über die Augen fahrend, seufzte sie einigemal tief auf, dann trat sie an das Fenster und blickte in den Hof hinab.

Sie hatte Schweres auf sich genommen. Vielleicht empfand sie das in diesem Augenblicke erst voll und ganz, denn das junge Gesicht hatte einen ernsten, sinnenden Ausdruck angenommen, der sie um Jahre älter erscheinen ließ. Die beiden Kinder waren im Hofe angelangt. Der Knabe hatte sich auf den Zaun geschwungen und Norine lehnte gegen den Bretterbau. Sie mußten wohl von ihr sprechen. Die blonde Frau erkannte es an dem störrischen, trotzigen Blick, mit dem die Kleine das Haus streifte. Wie böse konnte das Kind aussehen! Wie abwehrend kalt war seine Haltung! Wie gerade die Linie, welche die dichten Augenbrauen miteinander verband!

Die junge Frau gedachte der kleinen Mädchenschar, unter der sie seit Jahren als Lehrerin gewaltet, bei der es nur eines günstigen Blickes, eines Lächelns bedurft hatte, um sie weich und gefügig zu stimmen. Das Lächeln war ihr schwer geworden, seit dem Tage, da ihr die Mutter, die lange kränkelnde, gestorben war. Aus ihrem einsamen Herzen heraus konnte sie mutig den Entschluß fassen, einem anderen verwaisten Wesen eine Stütze zu sein, und so willigte sie gern ein, ihre Hand in die des älteren Mannes zu legen. Auf den Widerstand, den ihr sein Kind entgegengebracht, war sie zum Teil gefaßt.

»Das Wort Stiefmutter klingt herb,« hatte sie selbst ihrem Manne gesagt, als dieser ihr flüchtig von dem Trotz des Kindes gesprochen, »ich begreife, daß sie sich gegen mich auflehnt, aber ich werde ihren Widerwillen besiegen!«

Einige Zweifel an dem Erfolg mochten in ihr aufgestiegen sein, als sie so nachdenklich am Fenster lehnte und auf die Kindergesichter hinabsah. Sie öffnete leise die Flügel des Fensters und horchte hinaus auf das Gespräch der beiden.

»Ich wette,« hörte sie den Knaben höhnisch sagen, »ich wette, daß sie die Katzen ertränkt!«

»Nein,« gab das Mädchen kurz zurück.

»Du wirst ja sehen,« reizte er weiter, und vom Zaune sich hinabbeugend, spie er mit Gleichgültigkeit in den Hof hinab.

Die Kleine sann einen Augenblick nach. Dann sah sie auf. Ihre Augen blitzten. »Ich lasse sie nicht hinein,« erklärte sie.

»Ha, sie wird Dich gerade fragen!« Der Hohn, der in seiner Rede lag, machte sie ersichtlich stutzig.