Weiß wohl der kleine Mensch den vollen Sinn der Worte zu verstehen, oder ist's der einfach kindliche Instinkt, der ihn so eigen wonnesam ergreift?
Die kleinen Hände schließen sich fest um des Mannes Rechte und feuchte Kinderlippen legen sich – von einem plötzlichen Impuls geleitet – auf dieselbe nieder.
»Gut' Nacht, Herr Lehrer!«
Die Klasse wartet, bis der kleine Schüler in den Flur des niederen Häuschens eingetreten ist. Herr Karler gibt das Zeichen, und vorwärts gehts im Schritt, dem Städtchen zu.
Aus einem Fenster des zurückgelassenen Häuschens beugt sich vom zweiten Stock ein müdes Köpfchen voller krauser wirrer Locken und nickt der Klasse grüßend zu, und über ihm neigt sich ein runzeliges, greises Haupt und sieht mit glücklichem und stolzem Lächeln auf das dunkle Köpfchen seines Sohnes nieder.
Zu spät.
Sie war ein unscheinbares Ding von zartem Körperbau und einem blassen, unauffälligen Gesicht, das ganze Gegenteil von dem robusten strammen Brüderchen, das so geräuschvoll treppauf treppab trampelte, mit lauter Stimme seine Wünsche kundgab und das ganze Haus gründlich tyrannisierte.
»Wie verschieden doch ihre Kinderchen sind!« meinten die gelegentlichen Besucher der Familie Holfers, vergleichende Blicke auf die Kleinen werfend, und Frau Holfers pflegte mit einem Kopfnicken über den glatten braunen Scheitel Gretchens fort auf das blondgelockte Köpfchen ihres Knaben niederzuschauen und dann – Gretchen kannte den Hergang genau – mit mütterlichem Stolze die übermütigen Streiche des Söhnchens aufzuzählen, ihn in jeder Zwischenpause drei-, viermal zu streicheln und endlich – wie gut Gretchen das immer voraussah – die lange seidene Locke aus der verschlossenen Lade vorzunehmen und sie lächelnd stolz zu zeigen:
»So goldig war das Kerlchen! Ich habe ihm die Strähne abgeschnitten, als er kaum zwei Jahre zählte!«
Gretchen hatte die lichte Strähne oft gesehen. Zuerst mit der ihr eigenen stillen Bewunderung und dem leicht geweckten Kindesinteresse und später mit einem staunenden Verwundern darüber, daß die Mutter niemals die von ihrem Haupt geschnittene Locke zeigte, die doch jedenfalls auch in der Lade liegen mußte; und aus dem Staunen wuchs ein inniger Wunsch, ein einzigesmal hineinzublicken in das verschlossene Fach, das – Gretchen zweifelte nicht einen Augenblick daran – die andre Strähne barg. Gewiß war sie nicht schön, wie die des Knaben – die Mutter hatte es ja oft gesagt, daß sie stets häßlich war – sie konnte also auf sie nicht stolz sein, wie auf das Brüderchen, das sie ja auch so ungeheuer liebte. Gretchen hatte, wenn sie diesen Gedanken nachhing, ein so eigentümliches Drücken im Halse, und eine solche Schwere in der Brust, daß sie ungeachtet der mütterlichen Mahnung, doch »ihr ewiges Gejammer ohne Grund« mal endlich einzustellen, – trotz der stürmischen Liebkosung Arthurs, in helle Thränen ausbrach. Ja, diese leidigen Thränen! Gretchen wußte wohl, wie sehr die Mutter Thränen haßte – und diese trugen auch die Schuld, daß die so heitere Natur der Mutter sich immer mehr dem Brüderchen zuwandte, dessen leidenschaftlich zärtliche Natur von allen Liebe forderte und allen Liebe gab, der, wo er ärgerte, auch gleich wieder versöhnte, und dessen Thränen, wenn sie fielen, gleich einem sonnigen Regenguß, im Hintergrunde lichte Strahlen zeigten.