»Wenn sie nur etwas von des Knaben Art in ihrem Wesen hätte,« hörte Gretchen ihre Mutter klagen, »ich finde mich in dieser kalten unfreundlichen Natur gar nicht zurecht. Wenn sie vor sich hin weint, weiß sie sicherlich selbst nicht, warum sie's thut!«

Das Kind hatte die Klage, unbemerkt am Fenster sitzend, mit angehört, und lange darüber nachgesonnen. Gewiß, sie war gerecht. Selbst wußte sie ja nicht, was ihr das Herz bedrückte, bis es ihr eines Morgens klar wurde, und von da ab weinte sie nicht mehr.

Sie hat nie davon gesprochen, niemand erzählt, wie es gekommen, daß sie an einem Tage, da wiederum die schöne goldene Locke Arthurs vorgezeigt und bewundert wurde, von einem instinktiven Etwas angespornt, ganz heimlich an die nachlässig aufgebliebene Lade schlich. Auf einem Schemel stehend, mit vorgestrecktem Halse und eifrig hastigem Auge, hatte sie das Fach durchstöbert, um neben der goldblonden Locke die noch niemals vorgezeigte dunklere zu suchen, um doch zu wissen, ob sie denn so häßlich – gar so unansehnlich häßlich war!

Das kleine Mädchen hatte lange regungslos vor dem verräterischen Fach gestanden. Niemand hörte je ein Wort darüber, was in dem Kinderherzen vorgegangen war, da Gretchen in der mit Seide ausstaffierten Schachtel die Stelle neben Arthurs Locke leer fand, und es zum erstenmal ihr dämmerte, daß man von ihrem Kopf nie eine Strähne abgeschnitten hatte, um sie aus Liebe und aus Zärtlichkeit aufzubewahren. Wie die mageren Hände zitterten, die mühsam erst die Lade schlossen und sich dann bebend vor die Lippen preßten, wie um den Aufschrei aus des Kindes Brust zu unterdrücken.


Der Abend fand die Familie Holfers um den Speisetisch versammelt, und zweimal hatte man die Kinder rufen lassen.

»Wo bleibt denn Gretchen?« fragte über seine Zeitung fort der Vater, als Arthur frischgewaschen in der Thür erschien.

»Nicht gesehen!« erwiderte der Kleine, und Frau Holfers sagte, dem Söhnchen liebevoll zunickend: »Sie wird wohl oben sein, sie läßt sich gern zweimal rufen!«

Oben war sie; aber ihr Nichterscheinen war weder Trotz noch Prätension. Im guten Zimmer lag das Kind halb hingekauert vor dem Schrank, die Augen weit geöffnet, das blasse Köpfchen hintenüber an die Wand gelehnt.

»Was ist mit ihr? Gretchen!« Sie hört den Angstruf nicht, mit dem die Mutter sich an ihrer Seite niederwirft.