Es währte lange, bis der starre Ausdruck aus dem Kinderantlitz schwand, und als er schwand, lag in den blauen Tiefen ihrer Augen ein der Mutter fremder, düsterer Ausdruck.
»Bist du gefallen, Kind?« Die Lippen sprachen nicht sogleich. Es war, als käme langsam von dem Herzen zu dem Mund herauf ein kaltes, hartes Etwas, das die Stimme Gretchens heiser machte:
»Gefallen – nein!«
»Was ist dem Kinde nur – sie ist so anders?« Die Mutter fragte sich's von jenem Tage an gar oft, wenn sie das stille Kind mit dem verschlossenen Antlitz kommen und gehen sah und es deutlich erkannte, daß sie ihr scheu auswich und mit Beharrlichkeit die Zärtlichkeiten des goldhaarigen Bruders schroff von sich wies.
»Sie hat mich nicht mehr lieb,« wehklagte Arthur, und Frau Holfers nickte schmerzlich bitter vor sich hin und sagte nur:
»Sie hat gar niemand lieb, mein Kind!«
Das blasse Mädchen hörte Klage und Antwort und sagte nichts.
War's wahr, daß sie gar niemand liebte? War's möglich, daß die blauen Augen, die so sehnsüchtig und heiß die Mutter streiften, wenn sie sich ungesehen glaubte, von einem kalten Herzen sprachen? War's denkbar, daß das Kind, das sich allabendlich, wenn alles schlief, mit nackten Füßchen leise an das Bett des Brüderchens heranschlich, um lange in das schlafende Gesichtchen zu blicken, kalt war und lieblos?
Und doch! Wie schroff verstand der Mund den Morgengruß zu sprechen, wie fremd und interesselos blieb sie den Freuden und den Ärgernissen der Familie gegenüber, wie scheu entwich sie jeder Annäherung des liebevollen kleinen Bruders! Die Zeit verstrich; mit ihr gewöhnte man sich daran, das stille Kind ganz ungehindert seinen Weg gehen zu lassen und die herben, schroffen Züge ihres Wesens mit Geringschätzung und Kühle zu erwidern.
Der Sommer war gekommen. Die Zeit, in der man in die Bäder zog. Im Hause Holfers machte man die ersten Vorbereitungen zur Reise, und so gewann der kleine Arthur Zeit, mehr als gewöhnlich unbewacht im Freien zu sein, und die Mama unternahm nicht ohne Besorgnis die kleine Reise über Land, um die Beschlüsse über die in Aussicht genommene Sommerwohnung endgültig zu treffen.