Seit unfürdenklichen Zeiten ist man hier gewöhnt, größere oder kleinere Stücke des Schrofenberges abfallen zu sehen oder nächtlicher Weile zu hören, und das sonderbare Getöse eines solchen Falles hat schon Manchen nicht wenig Schrecken gemacht, besonders wenn man nicht an den Schrofen dachte, oder von dessen Abfällen nichts wußte. Die Tradition hat noch bis jetzt zwei große Abfälle dieses Berges im Andenken erhalten, den einen i. J. 1610, eben ein Jahr vor der Pest, welche unsere Gegend von Flinsbach, Tegerndorf, Brannenburg und Holzhausen fast ganz entvölkerte, den andern um das Jahr 1770, also gerade vor der bekannten großen Theuerung. Dieses letzteren Bergsturzes erinnert sich noch gut unsere alte 92-jährige Meßners-Wittwe, Annastasia Kiau, und wie man da mit dem hochwürdigsten Gut in großer Prozession hinauf gegangen sei bis zum Hagerer, Gott um Abwendung der drohenden Gefahr zu bitten.

Anfangs Oktobers 1816, als die große Theurung (leider eine Wuchertheurung) eintrat, erlebte der Schreiber dieser Zeilen selbst einen ähnlichen Bergabfall, zwar nicht unmittelbar vom Schrofen, aber doch im nämlichen Berggehänge, nur einige hundert Schritte weiter südöstlich gegen den Bauerhof Hölnstein hinüber. Der wiederholte, oft heftige Regen jenes Jahres hatte das Erdreich in einer Sinke des Breitenberges ganz erweicht und eine ungeheure Masse Erde und Steine durch den tiefen und breiten Hölnsteiner Graben herab geschlämmt. Langsam, kaum dem Auge bemerkbar, bewegte sich die Schlamm-Masse die steile Höhe herab, und nahm Alles, was im Wege stand, mit sich fort; die stärksten Fichten, Tannen und Buchen von 2-3 Fuß im Durchmesser bog sie um, stürzte und brach sie dann mit fürchterlichem Gekrache. Allmälig kam die Masse durch den weiten und tiefen Graben herab in den Kirchbach und die Menge zerknickter Bäume mit den Stauden und größern und kleineren Steinen, die sie im Schlamme verborgen mit sich fortführte, verlegte in gerader Richtung von dem Lechnerbauer Hofe hinüber das Rinnsal des Kirchbaches, das nach und nach ganz bis oben angefüllt wurde, und es war sehr ungewiß, ob der Kirchbach seine Richtung nach dem Thale hinab behalten, oder gegen Brannenburg herüber nehmen würde. Zehn Tage stand die Masse drohend da; von Stunde zu Stunde schwoll das Wasser; — endlich hatte es sich selbst ganz unten am Boden eine Oeffnung gemacht, die schnell größer wurde; mächtig drang es durch und riß den Schutt mit sich fort; die Masse sank immer tiefer und das Wasser reinigte nach und nach sich selbst das Rinnsal, und die so drohende Gefahr ging damals ohne sehr große Verwüstung vorüber. So war's im Jahre 1816; schrecklicher aber kam es i. J. 1851.

Als wir am Ende des Monats Juli in den öffentlichen Blättern lasen, daß fast alle Flüsse Deutschlands ihre Ufer überströmten und schreckliche Verwüstungen anrichteten, und selbst der Inn unsere Gegend weithin überschwemmte und gleichsam einen großen See bildete; da wünschten wir uns Glück in unserer höheren Lage und dankten Gott, daß wir von diesem Uebel verschont blieben und ahnten gar nicht, daß wir in wenigen Tagen von einer ganz andern Seite her ein ähnliches, noch schrecklicheres Ereigniß zu beklagen haben könnten.

Es war Samstag, der 9. August 1851, als die Bewohner Brannenburgs und der nächsten Umgebung das Getöse eines bedeutenden Absturzes vom Schrofenberge vernahmen; allein schon daran gewöhnt, machte man sich eben nicht viel daraus; nur unser jetziger Gutsherr Se. Excellenz Herr Fabio Graf Pallavicini[B] wollte sich die Sache besehen, und ging Nachmittags zum Schrofen hinauf. Er kam sehr bedenklich zurück und äusserte sich: „Es könnte schlimmer werden, als man meinen möchte.“ Für den folgenden Tag war die Abreise mit der Frau Gräfin nach Zinneberg festgesetzt.

Am Sonntag nach der Messe ging der Herr Graf nochmal zum Schrofen hinauf und kam mit dem Schreckensrufe zurück: „Da ist alle menschliche Hülfe vergeblich, da kann nur Gott allein noch helfen!“ — Er beorderte alle seine Holzarbeiter und in seinen Dienste Stehenden an den Ort der Gefahr hinauf, dem Wasser und dem bereits abgefallenen Schutte die Leitung nach dem Rinnsale des Kirchbaches so viel wie möglich zu geben und zu erhalten. Dann reiste er mit der Frau Gräfin ab.

Indeß waren unsere Leute aus dem sonntäglichen Gottesdienste von Holzhausen zurückgekommen und erfuhren jetzt mit Schrecken die Größe der Gefahr des vorhin gering geachteten Absturzes; Alles eilte zum Schrofen hinauf. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag war der Absturz ungeheuer, und die abgefallene Masse, mit dem Wasser der Bäche vermengt, riß von der Waldung des Krappenbauers 2 Tagwerke sammt dem Grunde, auf dem sie stand, mit sich fort, und die hohen Bäume kamen theils stehend, theils umgeworfen, theils zum Falle sich neigend eine Viertelstunde weit herab, und verlegten in der Nähe der Sagbruck das Rinnsal des Baches, und als Folge dessen thürmten sich da ganz schnell zwei haushohe Haufen auf, wovon der größere, höhere gen Brannenburg herab, der andere näher am Rinnsal des Kirchbaches stand. Der unermüdeten Anstrengung sehr vieler Menschen gelang es zwar, das aus und neben den beiden Haufen ablaufende Wasser nach dem gewöhnlichen Rinnsale hinzuleiten; allein es war verhältnißmässig nur sehr wenig; bei weitem das meiste blieb in der Schuttmasse stecken, unterwühlte weit herum den Grasboden und erhöhte immer mehr und drohender die beiden Haufen.

Furcht, Angst und Schrecken hatten sich nun in der nahen Umgebung von Brannenburg verbreitet; es ward ein Eilbote an das kgl. Landgericht und an die Baukommission in Rosenheim abgesendet, und Abends ging in einer großen Prozession mit dem hochwürdigsten Gut, getragen von dem Ortspfarrer Herrn Wolfgang Schmid, die ganze Bevölkerung Brannenburgs und der umliegenden Ortschaften hinauf an den Gefahr drohenden Ort, um den Allmächtigen um Abwendung der bevorstehenden Verwüstung zu bitten.

Montags am frühesten Morgen war der kgl. Landrichter Herr Ebenhöch mit den HH. Baubeamten schon da, und ordneten Alles an, was menschliche Wissenschaft und Erfahrung vermag; allein die Gefahr wuchs mit jeder Stunde, und es war gar nicht abzusehen, welchen Gang die ganz ungeheure Schuttmasse nehmen, ob gen Brannenburg, oder nach dem Kirchbach hinab, oder welchen Ausgang das schreckliche Ereigniß haben werde. Soviel war gewiß, daß entweder ein Theil des Dorfes Brannenburg oder das Dörflein Gmein verschüttet werden müsse. Dieses Dörflein liegt ganz in der Ebene und sehr nahe bei Brannenburg am Kirchbach, es hat eine Mühle mit Sägmühle und Oelstampf; die Müllerwohnung mit den Oekonomiegebäuden steht bedeutend höher als die Mühle; von da etwa 200 Schritte abwärts sind 5 kleine Häuschen, von denen 3 fast neu und niedlich und schön gebaut waren, auf dem rechten, und eines auf dem linken Ufer. Es wohnten lauter Handwerksleute darin.

Indessen dauerte der Absturz vom Schrofen, und die Anhäufung des Schuttes und die Aufstauung des Wassers den ganzen Montag und die folgende Nacht noch fort; die beiden Haufen an der Sagbruck wurden immer höher und drohender, und von der Sagbruck hinauf gegen den Schrofen und den Sulzberg hatte sich ein ungeheurer See gebildet, und neben den beiden großen Haufen hatte das abstürzende Wasser, gemengt mit Steinen und zerbrochenen Bäumen, ein sehr weites und tiefes Loch ausgewühlt in dem Rinnsale des Kirchbaches.

Den Bewohnern des Dörfleins Gmein wurde der Rath ertheilt, ihre Habseligkeit in Sicherheit zu bringen, was sie mit schweren Herzen, aber der Nothwendigkeit nachgebend thaten, und von entfernteren Nachbarn bereitwillige Aufnahme fanden. Am meisten zu bedauern waren die beiden Wittwen, die Schneiderin mit 5 Kindern und die Müllerin; diese letztere hatte erst 2 Jahre vorher großen Schaden an ihrer Mühle durch den Kirchbach erlitten, und durch Ausbesserung desselben sich in große Schulden versetzt; jetzt mußte sie alle 3 Mühlwerke abbrechen; denn obgleich oben am Berge die Hauptmasse noch fest stand, so häufte sich doch bereits der Schutt um die Mühle schon so sehr an, daß an der gänzlichen Verwüstung nicht mehr zu zweifeln war; für das höher stehende Haus war doch noch ein Rettungsschimmer da; allein es kam bald schlimmer. Das Dorf Brannenburg hatte bis dahin noch keinen Schaden gehabt, als daß es sein Trinkwasser für Menschen und Vieh verloren; denn Schloß und Bräuhaus haben das Wasser von einer andern Seite her, und dieses ist für das ganze Dorf weit zu wenig.