Während ich am Dienstag Morgens oben an der Sagbruck das Schauerliche dieses Ereignisses betrachtete, war unser Herr Graf wieder angekommen, und sogleich hinaufgeeilt. Wir hatten uns umgangen, und als er Nachmittags vom Berge herabkam, beehrte er mich mit einem Besuche. Noch unter der Zimmerthüre fragte er mich hastig: „Wunderbar, wunderbar! Sie waren heute oben; haben sie die beiden Haufen ruhig stehen gesehen?“ — Ja! war meine Antwort; was ist wieder geschehen? — „Ich fand sie auch ruhig stehen; aber kaum war ich einige Minuten da, so hob sich der größere Haufe und bewegte sich bedeutend weit gegen den Weiher — gegen Brannenburg herab. Wir standen erschrocken und staunend da, und fürchteten das Schlimmste für Brannenburg. Da hörte auf einmal die Bewegung auf; der Haufe stand wieder ruhig da. Plötzlich erhob sich der ungeheure Haufe wieder, und mit einem Male war er wieder oben auf seinem vorigen Platze.“ Dieses hatte der Herr Graf und mit ihm viele Leute gesehen.

Durch diese ganz ausserordentliche Bewegung mußte das Innere dieses Haufens sich gelockert haben, Abends fing er an sich zu entleeren in das tief und weit aufgewühlte Loch an der Sagbruck und in das Rinnsal des Kirchbaches.

Der Absturz vom Schrofen in größern oder kleinen Massen dauerte fort; besonders stark war er in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch, und am Mittwoch Morgens stand auch das dritte Tagwerk von der schönen hohen Fichtenwaldung des Krappenbauers in der Nähe der vorigen Sagbruck; durch die Gewalt der fürchterlichen Schlamm-Masse war dieses ganze Tagwerk ganz stehend herabgekommen sammt seinem Grunde.

Unermüdet arbeiteten die vielen Leute Tag und Nacht, um den Abzug des Schlammes nach dem Rinnsale des Baches hin zu erhalten, und die vielen herab gekommenen Bäume umzuhacken und fortzuschleppen. Sie wurden durch die Güte des Herrn Grafen — gleich vom Beginn des Bergsturzes — mit Speis und Trank versehen. Das schwer bedrohte Dorf Brannenburg war für jetzt gerettet; aber um das arme Dörflein Gmein war es geschehen. Am Mittwoch war die Mühle schon bis an das Dach vom Schutte umgeben, und noch am selben Tage hatte das nette Holzerhäuschen das nämliche Schicksal; und in der darauf folgenden Nacht ward auch das Haus des Schuhmachers Veit fast ganz vom Schutte erdrückt. Bei dem nicht sehr schnellen Gange der Schuttmasse hatten die armen Leute noch so viel Zeit, aus ihren bereits geleerten Wohnungen alles Holzwerk bis auf den untersten Stubenboden fortzubringen. Auf Anordnung des königl. Landgerichtes waren von nah und fern Fuhrwerke gekommen, um bei diesem traurigen Geschäfte Hilfe zu leisten. Nur der Besitzer des ärmlichsten Häuschens, der Weber Alois Schrecker, hat im Vertrauen auf den Schutz des Allmächtigen sein Häuschen nicht geleert, sondern Alles in seinem Stand gelassen; und sein Häuschen steht noch unversehrt, freilich nur ein Paar Schritte von dem ungeheuren Schutthaufen; und dieser Schutt häufte sich noch immer an, denn von dem Berge herab kam er jetzt in gewaltigen Massen, und riß an den beiden Seiten des weiten Rinnsales ganze Stücke von Holzungen und Grasflecken mit sich fort. Ueberdieß hatte das von der Sagbruck an weit hinauf gestaute Wasser von den nächsten Bergabhängen das Erdreich erweicht und mit sich fortgeschlemmt. Am Donnerstage war das weite und tiefe Rinnsal des Baches bedeutend hoch mit Schutt angefüllt, und von der Mühle gar nichts mehr zu sehen, und der Bach machte sich nun selbst ein Rinnsal. Wie er vorher tief unter dem Wohnhause des Müllers an der Mühle vorbei brausete, so lief er nun oberhalb des Hauses, und dieses war jetzt bis fast an das Dach im Schutte vergraben. Unten im Dörflein war nun auch das Holzer Häuschen ganz verschwunden, und das Haus vom Schuhmacher Veit vom Schutte ganz erdrückt, sah eben noch aus dem Haufen heraus; die beiden schönen Häuser der Schneiderswittwe und des Schuhmachers Jos. Aestner, die etwas höher stehen und das des Holzmeisters auf der linken Seite des Baches wurden gänzlich demolirt und auf drei Seiten vom hohen Schutte umgeben.

Das nun immer stärker vom Berge herabströmende Wasser hatte von der Mühle abwärts durchaus kein Rinnsal mehr und ergoß sich auf beiden Seiten über den hohen Schutthaufen hin über die weitum liegenden Getreide- und Grasfelder. Reifes und unreifes Getreide und Grumet mußte in höchster Eile gemäht und fortgeführt werden, um nicht alles zu verlieren; selbst am Maria Himmelfahrtsfeste, dem Patrocinium der hiesigen Kirche mußte den ganzen Tag hindurch gearbeitet werden. Von nun an aber ließ das Herabwälzen der Schuttmassen allmählig ab.

Während dieser traurigen Katastrophe war der Herr Regierungs-Präsident von Bening mit sachverständigen Männern nach Brannenburg gekommen, um sich die Sache zu besehen und auf Mittel zur Abwehr künftiger Abfälle zu denken. Es ward beschlossen, das Bärnmoos abzuzapfen, was auch noch im Spätherbste des nämlichen Jahres geschehen ist. Der Herr Oberbaurath Beyschlag hat selbst den Schrofen in seiner Höhe überstiegen, und gesehen, wie der Berg ganz durchklüftet ist, die Klüfte 4-6 und noch mehr Fuß weit und sehr tief, und daß also neue Abfälle mit Recht befürchtet werden müssen, entweder bei schneereichen Wintern, bei plötzlich einfallendem Thauwetter, oder im Sommer bei Hochgewittern und den sie begleitenden gewaltigen Regengüssen. Der Schreiber dieser Zeilen ist seit 45 Jahren oft genug Zeuge gewesen von den großen Verwüstungen, welche dieser Wildbach angerichtet hat, so daß die Felder auf beiden Seiten überfluthet und mit Schutt bedeckt, und in dem nur eine Viertelstunde weiter hinab liegenden Tegerndorf die Wohnungen zu ebener Erde voll Wasser wurden, die Menschen in die obern Stuben flüchten und die Thiere auf die höher gebauten Tennen gebracht werden mußten; damals war der in und an dem Bache liegende, den Wasserlauf hemmende Schutt im Vergleich zur Gegenwart vielleicht wie 1:10,000; was ist also jetzt zu befürchten, da der Schutt in so erschrecklichen Massen ganz in der Ebene daliegt? und wie leicht kann er durch neue Abstürze von dem ganz zerklüfteten Berge noch ungeheuer vermehrt werden! Von der Gewalt des abstürzenden Baches kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß sein Gefälle auf weniger als einer Viertelstunde gegen 400 Fuß beträgt. Die Fläche des Berges, von welcher dieser Absturz kam, ist nach der Schätzung Sachverständiger ungefähr 40 bis 50 Tagwerke, und die Schuttmasse, die im August herabgekommen in dem ganzen Rinnsale des Kirchbaches, wird auf nicht weniger als 400,000 Schachtruthen geschätzt.

Die Anwohner des Kirchbaches, auf der rechten Seiten der Sixtenbauer, auf der linken Seite der Krebser und die Weiderer Bauerswittwe, und mit ihnen die in der Gmein verunglückten Bewohner wegen ihrer nahen, wenigen, erst vor einigen Jahren mit so vieler Mühe hergerichteten Feldungen, haben seit dem Herbste ihre Besitzungen einigermassen, so viel möglich dadurch vor der nahen Gefahr sich schützen wollen, daß sie durch umgehackte starke Bäume eine Arche am Kirchbache hinab machten und an ihren Feldungen hin Gräben zogen und einige Schuh hohe Dämme aufwarfen; aber sieh da! am 1. April l. J. kam ein, nicht einmal heftiges Gewitter mit einem etwas starken Regen, und um 9 Uhr Abends stürzte das Wasser heftig vom Berge herab, überfluthete auf allen Seiten den ungeheuern Schutthaufen, überschüttete die Feldungen und in der Stallung der Weiderer Bäuerin stand das Vieh schon bis an den Bauch im Wasser. Von Brannenburg, Tegerndorf und von den einzelnen Häusern herum kamen die Leute zusammen und halfen, dem wilden Wasser den Lauf im Rinnsale des Baches zu erhalten; allein die Arbeit wäre vergebens gewesen, wenn nicht der Regen nachgelassen hätte. Die seit dem Herbste gemachte Arche am Bache ward in einem Augenblicke zerrissen und fortgeschwemmt; die Gräben und Dämme an den Feldern hin konnten der Gewalt des Wassers nicht widerstehen, und der Bach war schon daran, sich ein neues Rinnsal durch das schöne Feld des Sixtenbauers zu machen. Alle menschliche Mühe wäre unvermögend gewesen, solches zu hindern, wenn nicht der Regen aufgehört hätte. Wie wird es erst bei stärkeren Gewittern und heftigern Regengüssen gehen?!

Fußnoten:

[A] Diesen Aufsatz ließ ich dem Herrn Grafen Cäsar Pallavicini, jüngerm Sohne unsers Herrn Gutsbesitzers, am 3. Mai lesen. Er mußte am 5. d. Mts. nach Genua und Turin abreisen. Noch am 4. Abends gab er mir in einer schriftlichen Erwiederung seine Ansicht über die Ursache dieser Schrofen-Abstürze. Er mißt die Veranlassung dieser Abstürze nicht der Auflösung des leichten Gerölles durch die Feuchtigkeit des Bärnmooses, sondern vielmehr den Quellen des am Fuße des Schrofen hervorkommenden Saubaches zu, die dessen Basis unterwühlen und so zum Absturze des Berges wirken. — Seit dem letzten Absturze hat die Wassermasse dieses Saubaches bedeutend zugenommen. Die Ansicht des Herrn Grafen hat daher allerdings große Wahrscheinlichkeitsgründe für sich. Seine obenerwähnte schriftliche Erwiederung enthält aber auch ausserdem noch so viele interessante Notizen, daß ich, dem gegen mich geäußerten Wunsche der verehrlichen Redaction entsprechend und auf die gütige Zustimmung des Herrn Grafen rechnend, das fragliche an mich gerichtete Schreiben desselben seinem vollen Wortlaute nach hier mitzutheilen mir erlaube:

Brannenburg den 3. Mai 1852.