Mein lieber Herr Benefiziat!
Erlauben Sie mir einige kleine Bemerkungen Ihnen vorzulegen als Beiträge zu Ihrer trefflichen Schilderung des Bergsturzes im Jahre 1851.
Der Saubach entspringt unmittelbar aus dem Geröll des Schroffen selbst, hat einen sehr kurzen Lauf, bleibt sich Sommer und Winter ziemlich gleich, friert nicht zu, und sein helles reines Wasser, das einzige, wie Sie es ganz richtig bemerkten, das uns in Brannenburg Trinkwasser verschafft, läßt mich zweifeln, daß es als Abfluß der drei oberhalb des Schroffen sich befindenden Moose zu betrachten sei, wohl aber als eine Ansammlung verschiedener unterirdischen Quellen, die sich durch die tuffsteinartige und zusammengehäufte Masse dieser Berge einen Weg bahnend auf der lockersten Seite derselben einen Ausbruch finden, die Basis unterspühlen, und durch ihr langsames, aber beständiges Wirken, nach verschiedenen Zeitperioden, einen Absturz des überhängenden Gerölles herbeiführen. Frühere Ueberschwemmungen haben ohne Zweifel auch in dieser Gegend Berge (durch den Absturz von anderen mächtigeren) in breiten Thälern gebildet, und solchen glaube ich die Entstehung des Schroffen und aller Hügel zuschreiben zu können, die zwischen dem Sulzberg und dem Breitenberg sich bis Brannenburg hindehnen, alle gleich in ihren Bestandtheilen, nemlich Geröll mit einer Schichte von Humus überwachsen.
Als Beweise davon werde ich erstens hindeuten auf die großen Schichten von Lehm, die oberhalb der Schönau (theilweis noch jetzt sichtbar) im vorigen August 1851, durch den Absturz des Schroffen gedrängt und geschoben, den Wald des Krappenbauers dicht und aufrecht mit hinabschleppten, woraus deutlich hervorgeht, daß in früheren Zeiten sich da ein großes Wasserbecken befand, das diese Lehm-Ablagerungen bildete, und über diesem Becken, durch einen Bergsturz überfüllt, entstanden die bewaldeten Hügel, die jetzt mit ihrer Basis von Lehm ins Rutschen kamen.
Zweitens bei der Ausgrabung des neuen Bräuhauses zu Brannenburg wurden in einer Tiefe von 20 Fuß, unter mächtige Steinblöcke versenkt, verschiedenartige Baumstämme gefunden, als Eichen, Buchen und Fichten; dieser Grund war schon fruchtbar im Anfang dieses Jahrtausends, da er zu den Besitzungen der Sulzberger gehörte, Ministerialen der Sibotone, und blieb es seither, da er im fünfzehnten Jahrhundert von den Tarchingern der Kirche von Brannenburg geschenkt wurde. Die Erhaltung der weichern Baumsorten, die durchaus nicht vorkommende Versteinerung der härteren bekräftigen meine Vermuthung, daß, obwohl dieser Bergsturz vor Anno 1000 geschehen, er doch nicht in viel frühere Zeitperioden zurückzuschieben sei, und könnte dieses Ereigniß nicht vorgefallen sein ungefähr nach der ersten Gründung der Kirche von Brannenburg 700-800 und könnte es nicht den Lauf des Baches vom Lechner Graben in sein heutiges, mehr südlich gelegenes Bett hingedrängt haben, für welche Behauptung einigermassen selbst der Name „Kirchbach“ eine Bestätigung darbietet — ? —
Nur durch ein Wunder ist voriges Jahr eine ähnliche Aenderung im Laufe des Baches nicht vorgekommen. Am 1. April 1852 hätten die brausenden Fluthen sich beinahe einen neuen Abfluß gebahnt in die Felder des Sixenbauers, und nur das Nachlassen des Hochwassers, nicht die Anstrengung der Menschen haben diesen armen Bauern vor einer gänzlichen Verschüttung seiner Gründe bewahrt. Vor einigen Monaten war ich selber oben auf der Schneid des Schroffens, und habe mich überzeugen können, daß die durch die tiefen Spaltungen und durch die gesenkte Stellung herabzustürzen drohenden Massen ungeheuer sind. Es zu hindern sind die Menschen mit ihren intellectuellen oder physischen Kräften gänzlich unfähig; nur vom Willen des Allmächtigen hängt es ab zu bestimmen, in welcher Größe sich diese drohenden Massen ablösen werden, wodurch sich die Gefahr verhältnißmäßig berechnen läßt.
Die zwei günstigeren Fälle wären, 1. daß diese Bergstürze in kleineren Abtheilungen successiv vorkämen, wodurch das reißende Wasser des Kirchbaches mit Leichtigkeit den Schutt und Schlamm herausspülen könnte, oder 2. eine plötzliche allgemeine Senkung des obern zerklüfteten Kogels, der einen solchen Damm im Thale aufthürmen würde, daß ein neuer See sich bildete, wo jetzt die Bremau und die Schlüpfgruben-Alpe vom Bache geschieden sind.
Was aber die Regierung in ihrer Weisheit und Wohlthätigkeit vornehmen sollte, um diesen armen Gemeinden zu Hülfe zu kommen, um ihre in der Ebene gelegenen Felder vor einer gänzlichen Verschüttung zu bewahren, wäre, den Lauf des Baches so viel als möglich von der Schönau aus bis zum überschütteten Dörflein Gemeinde zu räumen, und wo er in die Ebene mündet, eine gut vorgenommene Regulirung zu unternehmen, mit festen Dämmen versehen, um die allmälige Fortspülung der Steine und des Schuttes gegen den Inn zu erleichtern.
Empfangen Sie, mein lieber Herr Benefiziat! diese Bemerkungen mit Nachsicht und als Beweis, mit welchem Interesse ich Alles lese, was Sie über unsere schöne Gegend zu schreiben gedenken.
Leben Sie recht wohl Ihr Freund