[15] An dieser Stelle muß ich doch ein Wort sagen über das Trinken bei Tisch, hauptsächlich während des Mittagessens. Bei Landleuten kommt es kaum oder wenigstens nicht in ausgedehntem Maße vor. Die Sache betrifft mehr die Stadt- und Herrenleute. „Unter das Essen hineintrinken“ wie man sagt, ist nicht gut. Ich kenne manche Ärzte, besonders der älteren Schule, welche den Gesunden dieses abraten und ihren Kranken solches entschieden verbieten. Wer ein Auge hat und etwas Erfahrung, weiß, daß alle, welche während des Essens viel Wasser, Bier oder anderes genießen, mit einem Worte, daß alle Vieltrinker stets über Mangel an Verdauung klagen.
Es kann gar nichts anderes sein. Wieso?
Während man die Speise im Munde kaut, wird sie oder soll sie gemischt, ganz durchdrungen werden von Speichel, der ja zu diesem Zwecke von eigenen Organen, den Speicheldrüsen, bereitet wird. Es wäre unklug, irgend etwas Festes zu schlucken, d. i. es in den Magen, diese lederne Maschinerie, zu bringen, bevor jene erste wichtige Vorarbeit der Verkleinerung und Erweichung gut und recht getan ist. — Im Magen werden sodann die also vorbereiteten Speisen mit dem Magensafte getränkt. Je reiner, je besser, je ursprünglicher, d. i. je unvermischter dieser wichtige Saft, desto besser die Verdauung und ihre Resultate, d. h. desto besser auch die durch die Verdauung bereiteten und der Natur zur Ausarbeitung und Vervollkommnung der verschiedenen Bestandteile des Körpers vorgelegten Säfte und Nährstoffe.
Wenn jemand nun eine Speise ißt und das Genossene mit fremder Flüssigkeit, sei es Wasser, Wein oder Bier, übergießt, so wird diese Speise schon nicht mehr von reinem Magensafte durchdrungen, sie wird, zum Teile wenigstens, durchtränkt von dem zugeschütteten Wasser, Bier und Wein.
Wer während einer Mahlzeit das besagte Überschütten sechs- bis achtmal vornimmt, verdünnt einmal den Magensaft derart, daß er als Verdauungsessenz nicht mehr dient, und bewirkt sodann, daß sein Magen von einem auf sechs- bis achtfache Art gemischten Speisebräu erfüllt, vielmehr gequält ist. Wer will da noch klagen, daß der arme Magen Ach und Weh schreit; daß die Verdauung eine schlechte ist, wie so oft die Klage lautet!
Wie soll man demnach sein Trinken einrichten?
Wer vor dem Essen Durst hat, der trinke! Durch den Durst zeigt sich die Dürftigkeit der Säfte an; die Magensäfte sind zudem dick und erleiden eine Verdünnung.
Bei Tisch soll womöglich nicht oder sehr wenig getrunken werden, damit der reinste Magensaft auch noch den letzten Bissen tränke und durchdringe.
Ist eine längere Zeit nach dem Essen vorüber, verlangt der Speisebrei zu seiner weiteren Verarbeitung vom Magensafte wieder Flüssiges, mit anderen Worten, stellt sich nach 1, 2, 3 Stunden wieder Durst ein, dann kann mäßig auch wieder getrunken werden.
Ich habe mit manchem tüchtigen Arzte gerade über diesen Punkt eingehend gesprochen. Alle teilten vollkommen meine Ansicht und schrieben die Unzahl der Magenleiden zum großen Teil den diesbezüglichen Überschreitungen der Menge zu.