In diesem Jahre kamen zu mir drei Männer und theilten mir mit, daß sie sich in ihrem Berufe höchst unglücklich fühlten. Sie seien durch ihre Lehrer irre geführt worden und hätten daher nicht den rechten Beruf erwählt. Sie verwünschten ihre Lehrer und bereuten ihre Thorheit. Sie waren geistig krank, und ihr Seelenleiden hatte auch den Körper krank gemacht.
Ich möchte den vorhergehenden noch folgendes Beispiel beifügen. Es kam zu mir ein Herr von Stand; seine Gesundheit war ruinirt, er war aber nicht weniger krank der Seele nach. Als ich näher nach dem Grunde seiner Krankheit fragte, sprach er sich folgendermaßen aus: Ich war ein ehrlicher, guter Bauernknabe und freute mich mit meinen Geschwistern meiner frohen Jugendzeit. Auf mein Ansuchen gestatteten meine Eltern, daß ich studieren durfte. Sie haben alle Opfer für mich gebracht, und meine Geschwister opferten mit, was sie konnten. Wie ich meine Eltern hoch geehrt, so schätzte ich auch meine Lehrer. Zwei Studentenjahre aber sind mir zum Unheil geworden durch zwei Professoren, die in ihren Vorlesungen selten es sich versagen konnten, über Religion zu spötteln und sie lächerlich zu machen. Man hat mich soweit gebracht, daß ich die Religion nur hassen und verabscheuen konnte. Auch zwei Kameraden, welche dieselben Professoren gehört hatten, trugen ihr Schärflein dazu bei. Dann habe ich durch 15 Jahre hindurch die traurigsten Schicksale erlebt. Die Augen sind mir jetzt aufgegangen, doch sind Geist und Seele zu Grunde gerichtet. Wie ich einst meine Lehrer ehrte, so kann ich sie jetzt nur verachten und verwünschen; sie nahmen mir das Heiligste und Theuerste, den Glauben. O daß doch nie ein glaubensloser Mensch auf einen Lehrstuhl käme! Wenn Einer nur für sich unglücklich sein und bleiben will, kann man das oft nicht ändern; aber man sollte einem Solchen keine Gelegenheit bieten, Andere zu verführen. Ich komme zu Ihnen, sie sind meine letzte Zuflucht, und stelle die Frage: Kann mein physisches und seelisches Elend noch gemildert werden, oder muß ich an demselben zu Grunde gehen? – Glücklicher Weise war doch noch einige Naturkraft vorhanden, und wenn der Mensch nur einsieht, daß er das Gute verloren und Verlangen hat, das Verlorene wieder zu finden, dann ist bei dem Unglücklichen noch nicht alle Hülfe unmöglich. Dreimal besuchte mich dieser Herr, und in Wirklichkeit hat das Wasser das physische Leiden überwunden, und der Geist wurde auch wieder lebendiger, nachdem der allseitig zerrüttete Körper durch das Wasser wiederhergestellt war.
Wäre dieser Fall nur der einzige! Aber wie viele hundert ähnliche Fälle könnte ich anführen, wo man am Glauben bankerott wurde und leiblichem und geistigem Siechthum anheimfiel und in den schönsten Jahren des Lebens sich selbst das Grab öffnete. Wenn solche Früchte auf den höheren Bildungsanstalten reifen, sollte man dann immer noch nicht zur Einsicht kommen können, daß man dort vielfältig auf dem Holzwege wandelt? Außer diesen Beispielen ließen sich noch viele andere für die traurige Thatsache anführen, daß junge Leute nicht bloß an der Religion, sondern auch an Körper und Geist Schaden gelitten hatten, wenn sie sechs bis acht Jahre die höheren Bildungsschulen besucht hatten.
Innerhalb zweier Jahre kam einmal eine große Anzahl junger Leute zu mir, die noch am Gymnasium studierten und rathlos die Frage stellten, was sie anfangen sollten. Sie litten an heftigen Kopfschmerzen, konnten ganze Nächte hindurch nicht schlafen, und wenn sie ein Buch in die Hand nahmen, überfiel sie Schwindel. Ihr Gedächtniß war auch geschwächt, und die von den Ärzten angewandten, vielfach giftigen Mittel hatten die Sache nur noch schlimmer gemacht. Ist das nicht ein Beweis dafür, daß eine Überanstrengung dieser jungen Leute stattgefunden hatte?
Ein Vater brachte seinen Sohn zu mir und theilte mir mit: „Mein Sohn hatte große Freude am Studieren, klagt aber jetzt am Morgen wie am Abend über Kopfweh; man hat ihn deßhalb aus der Anstalt entlassen. Er ist recht fleißig, wie sein Professor selbst gesagt hat. Was fange ich aber jetzt mit ihm an? Er will auch jetzt noch studieren, trotzdem es nicht geht.“ Ich gab dem Vater den Rath, zu allererst dafür zu sorgen, daß der Sohn gesund werde. Dann solle er ihn in eine Anstalt thun, wo minder hohe Anforderungen gestellt würden. Das geschah, und jetzt ist der Sohn gesund und setzt seine Studien mit Vergnügen fort.
Ein anderes Mal kam eine Mutter mit ihrem Sohne, der schon vier Jahre studiert und gute Fortschritte gemacht hatte, aber an krampfhaften Anfällen litt, ähnlich dem Veitstanze. So gut der Junge gewachsen war, so frisch war auch sein Aussehen. Das Übel kam nur daher, daß er geistig überladen worden war, in Folge dessen der Körper, obgleich anscheinend gesund, mit krampfhaften Aufregungen geplagt wurde.
Ein junger Mann, der auf der Universität studierte, hatte alle Spuren von Verfolgungswahn an sich. Er versicherte, daß nur durch angestrengtes Studium diese traurigen Zustände entstanden seien.
Diese Beispiele sollen nur aus den vielen mir bekannten angeführt werden. Die Zahl derselben ist sehr groß. Gar viele junge Leute sind, statt lebensfroh zu sein, körperlich oder geistig gedrückt und geschwächt in Folge zu vielen Studierens. Läßt man sich aber mit denselben in ein Gespräch ein, um zu erfahren, wie weit sie denn in der Wissenschaft vorangeschritten sind, so sieht man, daß sie Vielerlei gehört haben, aber in keinem Gegenstande recht gründlich zu Hause sind. Es entmuthiget auch nichts mehr als das Überladensein mit Gegenständen, die man lernen soll, aber nicht alle lernen kann. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich das durchaus nicht hätte leisten können, was die jungen Leute nach dem gegenwärtigen Schulplan leisten sollen. Und doch kann ich jetzt meine Lebensaufgabe lösen. Wenn ich auch nicht alles heutigen Tags Geforderte gelernt habe, konnte ich doch das gründlich lernen, was ich gelernt habe, so daß ich mich selbst weiter ausbilden konnte. Hat es nicht in jedem Jahrhundert große Gelehrte gegeben, die beweisen, daß der einfache Schulplan am besten befähigt zum Weiterlernen?
Die Schulen sollen der Jugend Muth machen, und die gelernten Gegenstände sollen Wißbegierde erwecken und zum Weiterlernen antreiben. Man soll in ihnen aber nicht durch Überladung entmuthigt werden. Auch ist es sicher peinlich für die Lehrer, wenn ihr Bemühen, so viele Gegenstände den Zöglingen beizubringen, fruchtlos bleibt, und wenn sie sehen müssen, daß die Jugend theilnahmlos ist und mit dem besten Willen nicht zu leisten vermag, was Vorschrift ist.