Ich kannte einen Studierenden, der nicht das beste Talent hatte, aber einen recht großen Fleiß und große Beharrlichkeit, die ihn auch zum Ziele brachten. Er setzte später sein Studium weiter fort und erfüllt jetzt seine Berufspflichten gewissenhaft und vollständig. Niemand würde glauben, daß er in der Schule sich so hätte anstrengen müssen. Er ist Priester und steht einer großen Pfarrei zur vollsten Zufriedenheit Aller vor. Man kann von ihm sagen, er lernte in den Schulen so viel, um alle Arbeiten seines Berufes verrichten und um sich durch fortgesetztes Studium für denselben immer tüchtiger machen zu können. Ist das nicht genug?
Ich sollte einst eine Aufgabe lernen, die ich aber in drei Tagen nicht gelernt habe. Die Namen von 28 Gebirgen sollte ich wissen, und welche Höhe sie hatten. Was hätte es mir aber genützt, wenn ich mich auch abgequält hätte, sie auswendig hersagen zu können? Wer Lust hat, die Bergeshöhen zu wissen, der weiß ja, in welchen Büchern Dieses zu finden ist, dachte ich, und dabei ließ ich es bewenden. Wenn man auch nicht Alles weiß, so ist das noch kein Unglück; wenn man nur das für seinen Beruf Erforderliche versteht. Vieles Wissen, ganz besonders wenn es dabei an der Gründlichkeit fehlt, bläht nur auf und führt zur Verachtung Anderer, wobei man aber öfters schlecht fährt, wie folgendes Beispiel zeigt. Es begegneten einst zwei Studierende einem gut belesenen Landwirth, der den einen fragte, wer er sei. Dieser antwortete, er sei der Dichter Schiller. Er fragte den zweiten Studenten, wer er denn sei, und dieser antwortete in seiner Weisheit, er sei der Dichter Göthe. Der Landwirth, nicht ohne Mutterwitz, antwortete rasch: „Zu diesen zwei Dichtern gehört auch noch der Dichter ‚Kloppstock‘,“ nahm seinen Stock und gab Jedem einige über den Rücken.
Lerne Jeder zunächst das, was er für seinen Beruf nothwendig wissen muß, aber lerne er Dieses gründlich und bleibe er dabei gesund; dann gehe er über zu dem Nützlichen, und er wird als ein weiser Mann handeln. Vieles Wissen bläht auf, wie bereits bemerkt, und Blähsucht ist eine Krankheit, die gerne bei Gelehrten und Narren sich einnistet. Mache dir deßhalb Folgendes zum Grundsatz: Ich will Sorge tragen, daß ich einen gesunden Leib und eine gesunde Seele habe und bei meinem Studieren recht vernünftig verfahre. Thust du Dieses, dann wirst du auch mit gutem Erfolg wirken können. Wenn man aber viel Weltweisheit gelernt und seinen Gott darüber verloren hat, so ist man ein Thor geworden; denn nur dieser spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.
Bei unserer strengen Schule, die an Geist und Körper so große Anforderungen stellt, soll auch durch Turnen dafür gesorgt werden, daß die Körperkraft erhalten bleibe und vermehrt werde, damit so den Studierenden ihre Gesundheit nicht verloren gehe. Mein Urtheil hierüber ist dieses: Wenn das Turnen im Stande ist, die Gesundheit zu erhalten und die Kräfte zu vermehren, dann ist's recht. Ich bin aber der Überzeugung, es kann durch das Turnen auch dem Körper recht geschadet werden. Wenn nämlich das Turnen selbst oder die Dauer desselben über die Kräfte hinausgeht, dann wird es gewiß üble Folgen haben. Mir brachte ein Vater seinen Sohn, der seit fünf Jahren studierte. Der gutmüthige junge Mensch erklärte, daß er beim Turnen jedesmal solche Kopfschmerzen bekomme, daß er nicht mehr studieren könne, und er wollte sich daher vom Turnen dispensieren lassen. Dem Studenten wurde aber nicht geglaubt, und er wurde aufs Neue zum Turnen verurtheilt. Als sich das Kopfweh wieder einstellte, nahm der Vater seinen Sohn aus dieser Schule, brachte ihn zu einer anderen Anstalt und machte die Bedingung, daß sein Sohn vom Turnen frei bleiben müsse. Jetzt studiert derselbe ohne Kopfweh weiter. Dem angeführten könnte ich noch mehrere Beispiele anreihen, bei denen das Turnen recht böse Folgen gehabt hat. Die beste Turnübung wäre, von Zeit zu Zeit eine körperliche Arbeit zu verrichten, die nicht bloß gelenkig macht, sondern auch durch Heben und Tragen die Kräfte vermehrt.
Ich kannte einen Studenten, der nicht mehr lernen konnte. Auch das Wasser brachte ihn nicht weiter, als daß er auf kurze Zeit das Studium wieder aufzunehmen vermochte. Ich versprach ihm nur dann Hülfe, wenn er eine Zeit lang Landarbeit üben wolle. Er that's und verrichtete fünf Monate lang die Arbeiten eines Bauernknechtes. Dann setzte er seine Studien weiter fort. Sein Kopfweh und seine Congestionen hatten sich verloren, und er arbeitet jetzt bereits eifrig in seinem Beruf. Er versicherte mir erst kürzlich, er habe keine Spur mehr von seinem früheren, so unheimlichen Leiden.
Eine vernünftige Arbeit würde ich allem Turnen weit vorziehen. Damit will ich aber nicht das Turnen gänzlich verwerfen. Im Gegentheil kann ja auch durch dasselbe die Körperkraft vermehrt werden, nur sollen die Übungen nie gefährlich werden oder zu anstrengend sein. Man kann durch Aufheben, Tragen, verschiedene Körperbewegungen viel Gutes erzielen. Man soll aber nie vergessen, welch' zarte Organe im menschlichen Körper sind.
Selbst von den vernunftlosen Thieren kann der Mensch lernen, daß er seine Körperkräfte üben, aber diese Übung nicht bis zur Erschöpfung fortsetzen soll. Auch die Thiere machen instinktmäßig gewisse Turnübungen. Es ist köstlich, einem jungen Paar Hunde oder Katzen zuzusehen, wie sie in die Höhe hüpfen, Seitensprünge machen, kleine Lasten ziehen, sich muthwillig herumtummeln u. s. w. Es geschieht Dieß aber regelmäßig nur auf kurze Zeit, nie bis zur Ermüdung.
Einst machten die Studenten in großer Anzahl in den Ferienzeiten Fußreisen, bestiegen kleine und große Berge, hatten dabei einen großen Wechsel in der Luft wie auch in der Kost und härteten sich so in dieser Zeit recht gut ab für das kommende Schuljahr.
Ich kenne einen Priester, der über 70 Jahre zählt, welcher jede Ferienzeit mit Fußreisen zugebracht hat. Er hat mir schon oft versichert, daß er durch diese Reisen für Geist und Körper viel gewonnen habe. Heut' zu Tage scheut man das Gehen viel zu sehr, und Viele mögen ihre Nachbarn nur mehr mittelst Wagen oder Eisenbahn besuchen.