Soll der religiösen Ausbildung die vorzüglichste Sorgfalt zugewendet werden, so darf doch auch die Sorge für das körperliche Wohl der Zöglinge keineswegs vernachläßigt werden, da bei Verkümmerung des Körpers alle geistige Ausbildung und religiöse Erziehung desselben für die menschliche Gesellschaft ohne Nutzen bleibt. Ich habe einmal in einem Buche gelesen, ein Vorstand solle kein großer Gelehrter sein und solle auch nicht ganz gesund sein. Die Gründe dafür sind diese: Ist er ein hochgelehrter Mann, so gelten bei ihm bloß Solche, welche in der Wissenschaft recht weit voran sind, er will nur Gelehrte heranbilden. Wenn er stets gesund ist, dann hat er zu wenig Mitleiden und Schonung für die Kränklichen. Er macht es, wie einst ein Vorstand mit seinen Untergebenen verfuhr, wenn sie in Krankheit Hülfe suchten. Gewöhnlich sagte er dann zu diesen, sie sollten nur fest glauben, sie seien nicht krank und sich nichts einbilden.
Will der Vorstand einer Erziehungsanstalt die ihm Anvertrauten bei guter Gesundheit erhalten, so muß er auf folgende Punkte besonders achten: Nichts darf zur Last werden, sonst fehlt das Gedeihen, und deßhalb werde die höchste Vorsicht angewendet, daß keine Überladung auf geistigem Gebiete das Jugendleben verbittere. Im Sprüchwort heißt es: Lust und Lieb' zu einem Ding macht alle Müh' und Arbeit gering. Lust und Liebe zum Studium aber werden dort nicht zu finden sein, wo Überanstrengung stattfindet. Nichts wirkt auch nachtheiliger auf die Körperkraft und Gesundheit, als die Überanstrengung der Geisteskraft, ganz besonders in der Jugendzeit. In dieser muß sich der Körper erst zur vollen Kraft und Gestalt entwickeln, und wie ist Dieses möglich, wenn durch übermäßige geistige Arbeit die Organe in ihrer Thätigkeit gehemmt werden!
Es ist ferner nothwendig, daß der Körper entsprechend abgehärtet und vor jeder Verweichlichung bewahrt werde. Was die Kleidung angeht, so ist bereits in einem früheren Kapitel das Nöthige hierüber gesagt worden. Dann muß für gesunde, reine Luft sowohl in den Studierzimmern, als auch besonders in den Schlafräumen gesorgt werden. Was früher betreffs der Lüftung der Wohnungen gesagt wurde, ist hier um so wichtiger, je mehr Personen in denselben Räumen zusammen leben.
Auch Bewegung ist unentbehrlich, um gesund heranzuwachsen und sich gesund zu erhalten. Daß in Erziehungsanstalten die Gelegenheit zu körperlicher Arbeit fehlt, ist sehr beklagenswerth. Wenn täglich jeder Zögling nur eine halbe Stunde körperlich arbeiten könnte, so wäre Dieses vom größten Vortheil für die Gesundheit. Kein Spaziergang ersetzt eine solche Arbeit; aber es soll hier weder zu viel noch zu wenig geschehen. Wenn junge Leute nur studieren und jede Anstrengung und Abhärtung des Körpers vernachläßigen, so gehen sie regelmäßig früh zu Grunde. Es gibt in der That Solche, die aus lauter Vorliebe für einzelne Fächer weder Warnung noch Drohung beachten, bis sie sich vollständig ruiniert haben. Was sind überdieß Menschen, die ausschließlich nur Dieses oder Jenes studiert haben, für das Leben werth? Sie werden nie für irgend einen Beruf tüchtig sein. Die Einseitigkeit wird überall sichtbar werden; sie sind weder selbst glücklich noch im Stande, Andere glücklich zu machen.
Für ein Seminar ist nach meinem Urtheil auch eine geeignete Einrichtung zur Anwendung des Wassers sehr nothwendig, damit die jungen Leute gesund erhalten bleiben und gut abgehärtet werden. Ich habe einst mit einem Seminar-Vorsteher über diese Angelegenheit gesprochen. Dieser war entschieden dagegen, daß in solchen Anstalten Wasser-Anwendungen gemacht würden. Dieser Vorsteher wäre gern selbst gesund gewesen; er getraute sich aber nicht, Wasser anzuwenden, aus Furcht, er könne den jungen Leuten dadurch Ärgerniß geben, und das ganze Seminarleben könne dadurch an seinem Charakter einbüßen. Die Folge war aber, daß ihn der Tod weit eher ereilte, als es sonst nach menschlicher Berechnung geschehen wäre. Ich verlange keineswegs, daß man viel mit Wasseranwendungen sich abmühen soll, ich bin sogar entschieden dagegen. Wenn man aber für nöthig hält, Gesicht und Hände täglich zu waschen, damit der Schmutz nicht überhand nehme so wird auch wohl der übrige Körper zuweilen einer Reinigung bedürfen. Niemand wird überdieß in Abrede stellen können, daß Halbbäder oder andere Anwendungen viel dazu beitragen, den Körper gesund und kräftig zu machen und so zu erhalten. Ich möchte daher rathen, daß die jungen Leute wenigstens zweimal wöchentlich ein Halbbad nehmen.
Ich kenne einen Professor, der einst an seine Zöglinge die Frage stellte: Wer von euch hat so viel Muth und nimmt ein Halbbad auf eine halbe Minute? Es war Spätherbst. Einer meldete sich, der glaubte, er könne dadurch unter seinen Kameraden ein Herkules werden. Er wagte es, und weil er sich gar so wohl und behaglich fühlte, erklärte er sich bereit, des andern Tages wieder eins zu nehmen, was auch geschah. Nach diesen zwei Heldenthaten machte er sich lustig über die Anderen und nannte sie Feiglinge. Diesen Spott wollten Manche nicht ertragen und glaubten, solche Herkulesthaten könnten sie auch verrichten. In kurzer Zeit war die ganze Klasse an die Halbbäder gewöhnt; die jungen Leute bewiesen durch ihr gutes Aussehen, durch ihre Körperkraft und die dadurch auch gestärkte und vermehrte Geisteskraft, daß die Abhärtungen ihnen großen Nutzen gebracht hatten und deßhalb mit Recht verdienen, allgemein empfohlen zu werden.
[Seminarkost.]
Wie über gar viele Dinge, so wird auch über die Kost in den Seminarien ein sehr verschiedenes Urtheil gefällt. Es wird nur wenige Seminarien geben, in welchen nicht die Einen mit der Kost zufrieden, die Anderen unzufrieden sind. Will man in denselben berechtigten Klagen vorbeugen, dann muß man den Werth und Unwerth der Speisen kennen und die guten und nahrhaften auswählen. Man muß aber auch darauf sehen, daß die Kost nicht bloß Nährstoffe enthalte, sondern daß die jungen Leute dieselbe auch vertragen können. Nahrhaft muß die Kost sein, weil die jungen Leute wachsen, und man kann sagen, je nahrhafter, um so besser; sie muß leicht zu vertragen sein, weil schwächlichen Naturen, besonders bei wenig Bewegung, eine schwerverdauliche Kost nicht zuträglich ist. Jungen Leuten möchte ich besonders empfehlen, durchaus keine geistigen Getränke zu genießen, weil diese in ihrem Nährwerthe zu armselig sind und im Körper für derartige Getränke immer größere Neigung erzeugen. Es soll ferner Vorsicht angewendet werden, daß die Kost möglichst wenig Gewürze bekomme und nicht viel Essig dazu verwendet werde. Durch Gewürze wird das Blut schärfer, und viele Säure hat auch keine guten Folgen. Der wird am besten genährt, der die einfachste und nahrhafteste Kost hat. Es könnte vielleicht Einer die Frage stellen: welches Frühstück wäre wohl am besten für junge Leute? Ich gebe zur Antwort: Die Milch wäre am besten, weil sie am meisten Nährstoffe hat. Allein die Milch ist nicht anzurathen; zum Milchgenuß gehört nothwendiger Weise körperliche Arbeit und Bewegung, sonst wird sie bald widerstehen und Säure erzeugen. Der Genuß reiner Milch für junge Studierende ist also nicht immer zu empfehlen. Gießt man aber zur Milch etwas Malzkaffee, so erhält man ein vorzügliches Frühstück. Ebenso ist Roggenkaffee, und besonders Eichelkaffee zu empfehlen, dem ich die erste Note geben möchte. Den aus eigentlichen Kaffeebohnen bereiteten Kaffee aber würde ich für junge Leute vollständig verbannen, weil ihm die Nährstoffe fehlen und er überdieß aufregt und zehrt.
Die bei uns allbekannte und bewährte Brennsuppe und die leider oft so verachtete Kraftsuppe, die recht nahrhaft ist und keine Gase bewirkt, möchte ich ganz besonders wieder hier empfehlen. Freilich mögen die Köchinnen diese Suppen nicht gern kochen, weil es ihnen zu umständlich und mühsam ist. Über diese Personen aber das Regiment zu behaupten, dazu gehört große Entschiedenheit. Die Brodsuppe von Roggen- und Weizen-Brod ist für die heranwachsende Jugend auch nur zu empfehlen, aber sie muß recht sorgfältig gekocht werden. Wie leicht kann mit diesen Suppen ein Wechsel vorgenommen werden, und gerade der Wechsel in den verschiedenen Nährmitteln wirkt so günstig.