Da erwiderte Raniero: „Herr, das ist ein schweres Beginnen, obgleich es von geringem Gewichte scheint. Ich will euch wahrlich nicht zu solch einem Vorhaben raten. Denn diese kleine Flamme verlangt von euch, daß ihr ganz aufhört, an etwas andres zu denken. Sie gestattet euch nicht, eine Liebste zu haben, falls ihr zu derlei geneigt sein solltet, auch dürft ihr es um dieser Flamme willen nicht wagen, euch bei einem Trinkgelage niederzulassen. Ihr dürft nichts andres im Sinne haben als eben diese Flamme, und keine andre Freude darf euch eigen sein. Aber warum ich euch vor allem abrate, dieselbe Fahrt zu tun, die ich nun versucht habe, das ist, weil ihr euch keinen Augenblick sicher fühlen könnt. Aus wie vielen Gefahren ihr auch die Flamme gerettet haben mögt, ihr dürft euch doch keinen Augenblick geborgen wähnen, sondern ihr müßt darauf gefaßt sein, daß sie euch im nächsten Augenblick entrissen werde.“

Aber Robert Taillefer warf den Kopf stolz zurück und sagte: „Was du für deine Lichtflamme getan hast, das werde ich auch für die meine zu tun wissen.“

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Raniero war nach Italien gekommen. Er ritt eines Tages auf einsamen Pfaden durch das Gebirge. Da kam ihm eine Frau nachgeeilt und bat ihn um Feuer von seinem Lichte. „Bei mir ist das Feuer erloschen,“ sagte sie, „meine Kinder hungern. Leihe mir Feuer, damit ich meinen Ofen wärmen und ihnen Brot backen kann!“

Sie streckte die Hand nach dem Lichte aus, aber Raniero entzog es ihr, weil er nicht zulassen wollte, daß etwas andres an dieser Flamme entzündet werde, als die Lichter vor dem Bilde der Heiligen Jungfrau.

Da sagte die Frau zu ihm: „Gib mir Feuer, Pilger, denn meiner Kinder Leben ist die Flamme, die brennend zu bewahren mir auferlegt ist!“ Und um dieser Worte willen ließ Raniero sie den Docht ihrer Lampe an seiner Flamme entzünden.

Einige Stunden später ritt Raniero in ein Dorf. Es lag hoch oben auf dem Berge, so daß bittre Kälte dort herrschte. Ein junger Bauer stand am Wege und sah den armen Mann, der in seinem fadenscheinigen Rocke geritten kam. Rasch nahm er den kurzen Mantel ab, den er trug und warf ihn dem Reiter zu. Aber der Mantel fiel gerade auf das Licht und löschte die Flamme.

Da erinnerte sich Raniero an die Frau, die Feuer von ihm geliehen hatte. Er kehrte zu ihr zurück und entzündete sein Licht wiederum mit heiligem Feuer.

Als er weiter reiten wollte, sagte er zu ihr: „Du sagst, die Lichtflamme, die du zu hüten hast, sei das Leben deiner Kinder. Kannst du mir sagen, welchen Namen die Lichtflamme trägt, die ich so weither bringe?“

„Wo wurde deine Lichtflamme entzündet?“ fragte die Frau.