Die Verwandten haben Mitleid mit mir; aber was können sie tun, mir zu helfen! Es gibt nichts, was meine Unruhe zerstreuen könnte. Wir sitzen da und plaudern, aber ich kann nicht recht folgen. Die Gedanken kehren immer zu der Frage zurück, ob ich nicht die mathematische Aufgabe ganz falsch gelöst, und ob ich bei der mündlichen Prüfung im Schwedischen nicht am Ende sehr schlecht bestanden hätte.
Ich hoffe und bete, daß ich durchkomme, nicht weil ich genug weiß und kann, sondern weil ich es nötiger brauche als irgendeine andre.
Davon bin ich ganz überzeugt. Es ist nicht möglich, daß irgendeine von allen denen, die Aufnahme suchen, diese drei Jahre kostenlosen Unterricht, die das Seminar bietet, ebenso notwendig brauchte wie ich. Wenn es mir jetzt mißlingt, dann ist es aus mit mir, dann muß ich mir eine kleine Gouvernantenstelle mit ein paar hundert Kronen Lohn suchen, oder ich muß auch nach Hause zurückfahren und in der Wirtschaft mitarbeiten. Ich muß etwas lernen, sonst kann ich das Ziel meines Lebens nicht erreichen. Ich bin jetzt nicht mehr so kindisch. Ich glaube nicht, daß man etwas werden kann, wenn man nur umhergeht und wünscht und träumt. Ich weiß, daß ich Kenntnisse brauche, um Schriftstellerin werden zu können.
Ich weiß auch, daß ich Kenntnisse brauche, um leben zu können. Wir sind daheim in letzter Zeit so arm geworden. Ich weiß, daß ich es lernen muß, mir selbst mein Brot zu verdienen, wenn ich nicht ins Elend kommen soll.
Alle die andern, die Aufnahme suchen, handeln wohl kaum dem Willen ihres Vaters zuwider, sie haben sich sicherlich nicht die Erlaubnis erzwingen müssen, von daheim fortzufahren. Bei ihnen zu Hause hat man vielleicht nicht mehr den alten Aberglauben, daß ein Mädchen es nicht nötig habe, etwas Ordentliches zu können. Und wenn es ihnen heute schlecht ergeht, so dürfen sie es vielleicht nächstes Jahr noch einmal versuchen. Aber ich darf das nicht. Wenn es mir jetzt mißlingt, bekomme ich niemals die Erlaubnis von Vater, es noch einmal zu versuchen.
Die andern sind vielleicht nicht so arm wie ich. Sie können vielleicht von andrer Seite Unterstützung für das Studium finden. Aber für mich ist das unmöglich. Vater kann mir kein Geld geben; und wohl größtenteils deshalb hat er soviel Einwände dagegen, daß ich in die Welt hinausziehe. Aber komme ich nur in das Seminar, dann habe ich eine gesicherte Laufbahn vor mir, dann macht es nicht soviel, daß ich kein Geld habe, dann leiht man mir vielleicht etwas, so daß ich mich während der Kurse in Stockholm erhalten kann. Wenn ich aber nicht hineinkomme, — wer sollte mir dann helfen wollen!
Wie langsam die Zeit an diesem Tage vergeht! Ich weiß rein nicht, womit ich mich beschäftigen soll. Ich wage nicht auszugehen; denn man denke: wenn der Brief käme, während ich fort bin! Ich kann mich auch nicht hinsetzen und lesen. Die Prüfung ist zu Ende, es kann mir nichts mehr helfen, was ich auch studiere. Es bleib mir nichts übrig, als still zu sitzen und zu warten.
Mein ganzes früheres Lebenlang habe ich gewartet, aber in andrer Weise. Ich habe darauf gewartet, entdeckt zu werden, gewartet, daß jemand komme und meine Schauspiele, meine Romane, meine Verse lese und sie außerordentlich schön und genial finde. Jedesmal, wenn ich sie einem zeigte, habe ich gehofft, daß dieses Wunder geschehen würde.
Und einmal war es auch sehr nahe daran. Bei einem unserer Nachbarn fand eine Hochzeit statt, und ich war Brautjungfer. Beim Mittagessen brachte einer der Brautführer ein Gedicht auf die Kranzeljungfern zum Vortrag, und ich hielt die Rede auf die Brautführer, auch in Versen. Wir hatten natürlich alle beide großen Erfolg. Man hat ja immer Erfolg, wenn man Gelegenheitsverse vorträgt.
Aber ein Weilchen nach dem Mittagessen kam Mutter zu mir und sagte, daß Eva Fryxell mit mir sprechen wollte.