»Sie war nicht wie andere. Ihr Fuß berührte die Erde so leicht, als sei er ein banger Flüchtling. Sie hielt die Augen gesenkt, um nicht gestört zu werden in der Beschauung der Herrlichkeit innerer Bilder. Ihre Seele hatte sich schon, als sie noch ein Kind war, von der Erde abgewandt.

»Als sie klein war, pflegte ihre Großmutter ihr Märchen zu erzählen, und eines Abends saßen sie beide am Kamin, aber mit den Märchen waren sie fertig. Die hatten ihre Zeit ausgelebt, die hatten sich wie die Flammen des Feuers in Glanz und Herrlichkeit getummelt;

aber nun lagen die Helden erschlagen, und die schönen Prinzessinnen waren verkohlt – bis das nächste Feuer sie aufs neue erweckte. – Aber die Hand der Kleinen lag noch immer auf dem Knie der Großmutter, und sie strich über die Seide hin, über diesen sonderbaren Stoff, der schreien konnte wie ein kleiner Vogel. Und diese kleine Bewegung sollte ihre Bitte bedeuten, denn sie gehörte zu den Kindern, die niemals mit Worten bitten.

»Da begann die Alte ganz leise ihr von einem kleinen Kinde im Judenland zu erzählen, einem kleinen Kinde, das geboren ward, um ein großer König zu sein. Die Engel hatten die Erde mit Lobgesängen erfüllt, als es geboren ward. Weise aus dem Morgenlande kamen, geleitet von den Sternen des Himmels, und brachten Gold und Räucherwerk, und alte Männer und Frauen weissagten von seiner Herrlichkeit. Dies Kind wuchs heran zu größerer Schönheit und höherer Weisheit als alle andern Kinder. Schon als es zwölf Jahre zählte, war seine Weisheit größer als die der Hohenpriester und Schriftgelehrten.

»Dann erzählte die Alte ihr von dem Schönsten, das die Erde gesehen hat, von dem Leben dieses Kindes, während es unter den Menschen weilte, unter den bösen Menschen, die es nicht als ihren König anerkennen wollten.

»Sie erzählte ihr, wie das Kind zum Mann heranwuchs, aber die Wunder umstrahlten ihn noch immer. Alles auf Erden diente ihm und liebte ihn, ausgenommen die Menschen. Die Fische ließen sich in sein Netz fangen, das Brot füllte seine Körbe, das Wasser verwandelte sich in Wein, wenn er es wollte.

»Aber die Menschen setzten den großen König nicht

auf den Thron, gaben ihm keine goldene Krone. Er war nicht umgeben von schmeichelnden Höflingen. Als Bettler ließen sie ihn unter sich wandeln.

»Und der große König war doch so gut gegen sie. Er heilte ihre Kranken, gab den Blinden ihr Gesicht wieder und erweckte die Toten.

»Aber, sagte die Alte, die Menschen wollten den guten König nicht zu ihrem Herrn haben; sie sandten Kriegsleute nach ihm aus und fingen ihn, sie schmückten ihn höhnend mit Krone und Zepter, hingen ihm einen langen Mantel um und ließen ihn, das Kreuz auf dem Rücken, zur Richtstätte wandern. O mein Kind, der gute König liebte die hohen Berge. Des Nachts stieg er oft auf sie hinauf, um mit den Bewohnern des Himmels zu reden, und am Tage liebte er es, an einem Bergabhang zu sitzen und zu den lauschenden Menschen zu reden. Jetzt aber führten sie ihn auf einen Berg, um ihn zu kreuzigen. Sie schlugen Nägel durch seine Hände und Füße und hängten den guten König an ein Kreuz, als sei er ein Räuber und ein Missetäter gewesen.