»Sie müssen Geduld mit mir haben,« sagt er lachend. »Ich will Sie nicht länger als zehn Minuten quälen, aber jetzt müssen Sie einige Verse anhören!«

Er erzählt ihnen, daß er in der letzten Nacht so lebhaft geträumt habe wie nie zuvor, und zwar habe er geträumt, daß er Verse geschrieben habe. Er, den die Leute den »Poeten« nannten, obwohl er diesen Spottnamen bisher ganz unverschuldeterweise getragen, sei mitten in der Nacht aufgestanden und habe sich, halb im Schlaf, halb wach, hingesetzt, um zu schreiben. Und am Morgen habe er ein ganzes Gedicht auf dem Schreibtisch gefunden. Er habe sich selber nie so etwas zugetraut! Jetzt sollten die Damen es hören. Und er liest:

»Der Mond ging auf, und mit ihm kam die Stunde, Die in der Seele weckt die träumenden Gedanken. Von Mondeslicht bestrahlt, im hellen Silberscheine Glänzt der Veranda Dach, umwebt von Weinlaubranken. Im Winde schwankt der Lilie Kelch aus witterndem Gesteine. Auf der Veranda Stufen, zur abendlichen Runde, Sind jung und alt vereint, und alter Lieder Weise, Die noch im Herzen lebt, ertönet sanft und leise, Wie ferner Zeiten Gruß in weihevoller Stunde.

Vom Resedabeet her umwehn uns liebliche Düfte, Schatten schweben empor aus der Büsche flüsternden Zweigen Über des Grases Fläche, von nächtlichem Tau befeuchtet:

Also ringet der Geist, in des Himmels Höhen zu steigen Aus des Leibes Nacht zum Licht, das ewig uns leuchtet Aus dem hellen Gewölk, wo klarer und reiner die Lüfte Und im unendlichen Raum die Sterne den Blicken entschwinden. O, wer mag in der Stille der Nacht der Gefühle Drang überwinden, Wenn sich Schatten ihm nahn und der Blumen berauschende Düfte!

Gleich dem welkenden Blatt, das müde zur Erde sich senket, Leise flatternd dahin, wenn ihr Blühen die Rose vollendet, Nicht vom Sturme geknickt: so wollen dahin wir gehen, Wie verhallet der Töne Klang, wenn unser Leben sich endet, Still und stumm, wie im Herbst die Blätter im Winde verwehen. Und zufrieden mit dem, wie Gott es weise gelenket, Unsrer Jahre Ziel und den Pfad, den wir wandern sollen hienieden: Der Tod ist des Lebens Lohn; so laß uns scheiden in Frieden, Wie der Rose welkendes Blatt zur Erde leise sich senket.

Vorüber flog die Fledermaus lautlos auf ihren Schwingen Und kehrt zurück im Mondenschein in schnellem Zickzackfluge, Und wie sie flattert hin und her, steigt auf in unsere Herzen Das alte Rätsel, ungelöst für Toren wie für Kluge, Das Rätsel, schwer wie Gram und Leid, alt wie der Liebe Schmerzen: Wohin geht unser Lebensweg, wohin wird er uns bringen, Wenn wir nicht mehr auf Erden hier in Wald und Wiese wandern?

Ach, keiner kann des Geistes Pfad geleiten wohl den andern; Viel eher zeigt’ er noch den Weg des Vogels leichten Schwingen.

Und schmiegend fest sich an mich an, legt sie mir Haar und Wangen, Sie, die mich liebt, an meine Brust und spricht in leisem Flüstern: ‘In ferne Welten sollen nie die Seelen ganz entschweben, Und ob des Todes Schatten auch mein Auge mag verdüstern, Für dich, du Heißgeliebter, will ich dennoch weiterleben: Von eines guten Menschen Herz ist dann mein Geist umfangen!’ O welche Qual, so schweres Leid, so bangen Schmerz zu tragen! Sie sterben! – Und zum letztenmal soll ich ihr heute sagen: ‘Ich hab dich lieb!’ und küssen sie auf Mund und Haar und Wangen!

Jahre schwanden dahin – noch oft in nächtlicher Stunde Such ich die Stätte mir auf, wo einst ich kosend gesessen, Wo mein Mund sie geküßt; doch seh ich vom Monde beleuchtet Hell der Veranda Dach, dann kann ich es nimmer vergessen, Wie der Mond es gesehn, daß Tränen ihr Auge gefeuchtet, Als vom Scheiden sie sprach, die Geliebte, mit zitterndem Munde.