»Aber Anna, Anna!«
»Als ich dir das alles erzählte, glaubst du, daß ich es mit fröhlichem Sinn getan? Habe ich nicht hier gesessen und mir das Herz Stück für Stück aus der Brust gerissen?«
»Weshalb tatest du es denn aber?«
»Weshalb? Weil ich nicht wollte – weil ich nicht wollte, daß er der Geliebte einer verheirateten Frau werden sollte.«
Mamsell Marie
Ah, stille! St!
Es summt über meinem Kopf! Das muß eine Biene sein, die geflogen kommt.
Aber nein, so sei doch nur still! Welch ein Duft! So wahr ich lebe, sind das nicht Levkoien und Lavendel und Flieder und Narzissen? Das ist eine wahre Wohltat an diesem grauen Herbstabend mitten in der Stadt. Wenn ich nur an das entzückende Fleckchen Erde denke, so fängt es rings um mich her gleich an zu duften und zu summen, und ehe ich michs versehe, befinde ich mich mitten in einem kleinen, viereckigen Rosengarten voller Blumen, von einer Ligustrumhecke eingeschlossen. In den Ecken stehen Fliederlauben mit schmalen, hölzernen Bänken, und rings um die Blumenbeete, die wie Sterne und Herzen geformt sind, läuft der schmale, mit weißem Sand bedeckte Steig. An drei Seiten ist der Rosengarten von Wald umgeben. Ebereschen und Faulbäume, die halb zivilisiert sind und schöne Blumen haben, stehen dem Garten zunächst und vermischen ihren Duft mit dem der Fliederbüsche. Hinter ihnen kommt die Birke, und dann beginnt der Tannenwald, der richtige Wald, still und finster, hochaufragend und bärtig.
Und an der vierten Seite liegt ein kleines, graues Haus.
Der Rosengarten, an den ich jetzt denke, war vor sechzig Jahren das Eigentum der alten Frau Moräus, die sich durch Sticken ernährte. Daneben ging sie auch als Kochfrau auf die umliegenden Bauernhöfe.