Sie schauderte vor dem Unrecht, das er an diesem armen, unglücklichen Kinde begehen will, das jetzt verlockt werden soll, ihn zu lieben, vielleicht nur für die Kurzweil eines einzigen Tages. Vielleicht auch – und da schauderte sie noch mehr vor der Sünde, die er an sich selbst beging – vielleicht auch, um sie als drückende Fessel an seinen Fuß zu schmieden, um für ewig seinem Geist die Kraft zu rauben, aufwärts zu streben.

Und wenn sie schließlich alles genau erwog, so lag die Schuld bei ihr. Sie hatte ihn mit einem Wort der Verdammnis auf den bösen Weg gestoßen. Sie, die gekommen war, um zu segnen, um zu mildern, weshalb hatte sie noch einen Dorn mehr in die Dornenkrone des Sünders geflochten?

Ja, jetzt weiß sie, was sie tun will. Sie will die schwarzen Pferde an den Schlitten spannen lassen, will über den Löfsee fahren, in den Saal zu Ekeby stürzen, sich gerade vor Gösta Berling stellen und ihm sagen, daß sie ihn nicht verachtet, daß sie nicht wußte, was sie sagte, als sie ihn aus ihrem Hause jagte. Nein, so etwas konnte sie doch nicht tun; sie würde verschämt sein, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Sie war ja verheiratet und mußte vorsichtig sein. Es würde Anlaß zu so viel Klatsch geben, wenn sie so etwas tat. Aber wenn sie es nicht tat – was sollte dann aus ihm werden?

Sie mußte von dannen!

Und dann denkt sie daran, daß es unmöglich ist, hinüberzugelangen. Um diese Jahreszeit kann kein Pferd mehr über den See hinüber. Das Eis ist schon im

Begriff zu schmelzen; am Ufer hat es sich schon gelöst. Unsicher, geborsten liegt es da, häßlich zu schauen. Das Wasser quillt zwischen den morschen Eisschollen empor, an einzelnen Stellen hat es sich in schwarzen Pfützen gesammelt, an andern Stellen ist das Eis blendend weiß. Der größte Teil des Sees ist jedoch grau und schmutzig von schmelzendem Schnee, und die Wege laufen wie lange schwarze Streifen über seine Fläche.

Wie kann sie nur daran denken, fort zu wollen? Ihre Schwiegermutter, die alte Gräfin Märta, würde ihr so etwas niemals erlauben. Den ganzen Abend muß sie an ihrer Seite in dem großen Wohnzimmer sitzen und die alten Hofgeschichten mit anhören, die das Entzücken der Alten sind.

Doch die Nacht kommt, und ihr Mann ist verreist, und nun ist sie frei.

Fahren kann sie nicht, sie wagt es nicht, die Dienstboten zu wecken, aber die Angst treibt sie heraus aus ihrem Heim. Sie kann nicht anders.

Schwer sind die Wege, die die Menschen auf Erden wandern – Wüstenpfade, Sumpfpfade, Bergpfade.