»Ach, ihr guten Herren! Ach, ihr lieben Freunde! Seid nicht so barmherzig! Ihr zwingt mich, meine Sünde selber auszuposaunen. Da ist einer, den ich zu lieb gehabt habe.«
»Aber Kind, du ahnst ja nicht, was Sünde ist! Du weißt nicht, wie unschuldig du bist. Gösta Berling wußte ja nicht einmal, daß du ihn liebhattest. Nimm jetzt wieder deinen Platz in deinem Hause ein! Du hast nichts Böses getan.«
Sie halten ihren Mut eine Zeitlang aufrecht und sind selbst plötzlich fröhlich wie die Kinder. Scherz und Lachen erschallt rings im Kreise. Die heißblütigen, leichtgerührten Menschen sind so gut; aber trotzdem sind sie vom Versucher gesandt. Sie wollen ihr einreden, daß sie eine Märtyrerin ist, und verhöhnen Gräfin Märta ganz öffentlich, als sei sie eine alte Hexe. Aber sie verstehen es nicht. Sie wissen nicht, wie sich die Seele nach Reinheit sehnt, sie wissen nicht, wie der Bußfertige von seinem Herzen gezwungen wird, sich den Steinen des Weges und dem Brand der Sonne auszusetzen.
Zuweilen muß Gräfin Elisabeth ganze Tage still am Stickrahmen sitzen, und da erzählt die alte Gräfin ihr unendliche Geschichten von Gösta Berling, diesem Pfarrer und Abenteurer. Reicht ihr Gedächtnis nicht aus, so erdichtet
sie etwas und sorgt nur dafür, daß sein Name der jungen Frau den ganzen Tag in den Ohren klingt. Das fürchtet sie am meisten. An solchen Tagen sieht sie ein, daß ihre Buße niemals ein Ende nehmen wird. Ihre Liebe will nicht sterben. Sie glaubt, daß sie selber eher sterben wird. Ihre Körperkräfte fangen an zu schwinden. Sie ist oft sehr krank.
»Wo bleibt denn dein Ritter?« fragt die Gräfin höhnend. »Tag für Tag habe ich ihn an der Spitze der Kavaliere erwartet. Weshalb erstürmt er Schloß Borg nicht, setzt dich auf den Thron und wirft mich und deinen Mann gebunden in den Turm? Hat er dich schon vergessen?«
Sie empfindet fast das Bedürfnis, ihn zu verteidigen und zu sagen, daß sie selber ihm verboten hat, ihr irgendwelche Hilfe angedeihen zu lassen. Aber nein, es ist am besten zu schweigen, zu schweigen und zu leiden.
Von Tag zu Tage schwindet sie mehr dahin im Feuer der Überanstrengung. Sie fiebert beständig und ist so matt, daß sie sich kaum aufrechtzuhalten vermag. Sie hat nur einen Wunsch: zu sterben. Die starken Kräfte des Lebens sind gebannt. Die Liebe und die Freude wagen nicht, sich zu rühren. Sie hat keine Furcht mehr vor dem Leiden.
Es ist, als habe ihr Mann keine Ahnung mehr von ihrer Existenz. Er sitzt fast den ganzen Tag in seinem Zimmer eingeschlossen und studiert halb unleserliche Handschriften und alten, klecksigen Druck.