Er liest Adelsbriefe auf Pergament mit dem schwedischen Reichssiegel, groß und gewaltig, aus rotem Wachs
und in einer gedrechselten hölzernen Kapsel verborgen. Er studiert alte Schildabzeichen mit Lilien in weißem Felde und Greifen in blauem. Auf dergleichen Sachen versteht er sich, die weiß er mit Leichtigkeit auszulegen. Und er liest wieder und wieder alte Leichenreden und Personalia von den edlen Grafen Dohna, in denen ihre Taten mit denen der Helden Israels und der Götter Griechenlands verglichen werden.
Diese alten Sachen haben ihm immer Freude gemacht. An seine junge Frau aber mag er nicht mehr denken.
Gräfin Märta hat ein Wort gesagt, das alle Liebe in ihm ertötet hat: »Sie hat dich deines Geldes wegen genommen!« So etwas kann wohl kein Mann ertragen. Das löscht alle Liebe aus. Jetzt war es ihm einerlei, wie es dieser jungen Frau erging. Wenn seine Mutter sie auf den Weg der Pflicht zurückführte, so war das gut. Graf Henrik hegte eine große Bewunderung für seine Mutter.
Dies Elend währte einen Monat. Aber die ganze Zeit war ja nicht so stürmisch und bewegt, wie es den Anschein haben mag, wenn die Ereignisse auf einige geschriebene Seiten zusammengedrängt sind. Gräfin Elisabeth soll stets ein ruhiges Äußere zur Schau getragen haben. Nur das einemal, als sie hörte, daß Gösta Berling tot sein solle, war sie von Gemütsbewegung überwältigt worden. Aber so groß war ihre Reue darüber, daß sie ihrem Manne ihre Liebe nicht hatte bewahren können, daß sie sich wahrscheinlich von Gräfin Märta hätte zu Tode martern lassen, wenn nicht eines Abends ihre alte Wirtschafterin mit ihr geredet hätte.
»Frau Gräfin müssen mit dem Herrn Grafen sprechen«, sagte sie. »Mein Gott, Frau Gräfin sind
so ein Kind. Frau Gräfin wissen wohl selber nicht, was im Anzuge ist, aber ich sehe sehr wohl, wie es damit bestellt ist.«
Aber das war ja gerade dies, was sie ihrem Manne nicht sagen konnte, solange er einen so schwarzen Verdacht gegen sie hegte.
In jener Nacht kleidete sie sich lautlos an und ging aus dem Hause. Sie trug die Kleidung eines gewöhnlichen Bauernmädchens und hatte ein Bündel in der Hand. Es war ihre Absicht, aus ihrem Heim zu entfliehen und nie wieder dahin zurückzukehren. Sie floh nicht, um sich der Qual und der Marter zu entziehen. Jetzt aber glaubte sie, daß Gott ihr ein Zeichen gegeben habe, daß sie gehen dürfe, um die Gesundheit und die Kräfte ihres Körpers zu bewahren.
Sie zog nicht gen Westen über den See; denn dort wohnte der, den sie liebhatte. Sie ging auch nicht gen Norden, denn dort wohnten viele von ihren Freunden, und auch nicht gen Süden, denn weit hinab gen Süden lag ihr Vaterhaus, und dem wollte sie keinen Schritt näher kommen. Sondern sie wanderte gen Osten, dort, wußte sie, hatte sie kein Heim, keinen geliebten Freund, keinen Menschen, den sie kannte, keine Hilfe, keinen Trost.