Der Kirchhof
Es war an einem schönen Abend im August. Der Löfsee lag klar da wie ein Spiegel, Sonnennebel hüllte die Erde ein, die Abendküste senkte sich herab.
Beerencreutz, der Oberst mit dem dicken weißen Schnurrbart, untersetzt, stark wie ein Riese und mit den Rabougekarten
in der hinteren Rocktasche, kam an den See hinabgegangen und setzte sich in ein flaches Boot. Major Andas Fuchs, sein Waffenbruder, und der kleine Ruster, der Flötenspieler, der bei den Wermländer Jägern Trommelschläger gewesen und viele Jahre lang dem Obersten als sein Freund und Diener gefolgt war, befanden sich in seiner Gesellschaft.
Am jenseitigen Ufer des Sees liegt der Kirchhof. Der vernachlässigte Svartsjöer Kirchhof ist nur spärlich geschmückt mit schiefen, wackelnden, eisernen Kreuzen; voll von Hügeln liegt er da wie eine umgepflügte Wiese, mit Riedgras bewachsen und mit dem streifigen Gras, das im Munde des Volkes »Menschengras« heißt, um daran zu erinnern, daß das Leben eines jeden Menschen nicht dem des andern gleicht, sondern daß sie verschieden sind wie die Blätter dieser Pflanze. Da sind keine kiesbedeckten Steige, keine schattenspendenden Bäume, außer der großen Linde auf dem vergessenen Grabe des alten Pfarrers. Hoch und traurig umgibt die steinerne Mauer den ärmlichen Fleck. Ärmlich und trostlos ist der Kirchhof. Häßlich wie das Antlitz eines Geizhalses, das durch die Jammerrufe derer verheert ist, dessen Glück er gestohlen hat. Und doch sind sie selig, die hier draußen ruhen, die in geweihter Erde unter geistlichen Liedern und Gebeten hinabgesenkt sind. Acquilon, den Spieler, ihm, der im vergangenen Jahr auf Ekeby starb, mußten sie außerhalb der Mauer begraben. Dieser Mann, der einstmals so stolz und so ritterlich war, der tapfere Krieger, der kühne Jäger, der Spieler, der das Glück gefangenhielt, er hat damit geendet, daß er das Erbteil seiner Kinder durchbrachte, wie auch alles, was er selbst erworben und
was seine Frau zusammengespart hatte. Frau und Kinder hatte er vor vielen Jahren verlassen, um das Leben eines Kavaliers auf Ekeby zu führen. Eines Abends im vergangenen Sommer hatte er das Gut verspielt, das ihnen ihren Lebensunterhalt gewährte. Da erschoß er sich – lieber tot, als seine Schulden bezahlen. Aber die Leiche des Selbstmörders wurde außerhalb der moosbewachsenen Mauer des armseligen Kirchhofes begraben.
Nach seinem Tode waren da nur noch zwölf Kavaliere gewesen, nach seinem Tode war keiner wieder hinzugekommen; um den Platz des Dreizehnten einzunehmen, kein anderer als der Schwarze, der am Weihnachtsabend aus dem Schmelzofen herausgekrochen kam.
Die Kavaliere hatten sein Schicksal bitterer gefunden als das seines Vorgängers. Sie wußten ja, daß einer von ihnen in jedem Jahr sterben mußte. Es war ja auch nichts Böses dabei, Kavaliere dürfen nicht alt werden. Wenn ihre matten Augen die Karten nicht mehr unterscheiden können, wenn ihre zitternden Hände das Glas nicht mehr heben können, was ist ihnen da das Leben, und was sind sie dem Leben? Aber wie ein Hund an der Kirchhofsmauer zu liegen, wo die Grassoden einen nicht in Ruhe bedecken dürfen, sondern von den weidenden Schafen niedergetreten, vom Spaten und Pflug zerschnitten werden, wo der Wandersmann schnell vorübergeht, ohne seinen eiligen Gang zu hemmen, wo die Kinder spielen, ohne ihr Lachen und ihre Scherze zu dämpfen – dort zu ruhen, wo die steinerne Mauer den Laut verhindert hineinzudringen, wenn der Engel des Jüngsten Gerichts mit seiner Posaune die Toten da drinnen erweckt – o, dort zu ruhen!
Jetzt rudert Beerencreutz in seinem Boot über den Löfsee.
Er zieht zur Abendzeit über den See meiner Träume, an dessen Ufern ich Götter habe wandern sehen und aus dessen Tiefe mein Traumschloß aufsteigt. Er rudert vorüber an den Lagunen der Lag-Insel, wo sich die Tannen von niedrigen, kreisförmigen Sandbänken gerade aus dem Wasser erheben, und wo die Ruinen der zerstörten Seeräuberburg noch auf der steilen Felsklippe der Insel liegen; er rudert unter dem Tannenwald auf der Landzunge von Borg hin, wo die alte Tanne noch an dicken Wurzeln über die Schlucht hängt, dort, wo ein mächtiger Bär einstmals gefangen wurde und wo alte Steinhaufen und Hünengräber von dem Alter des Ortes zeugen.