Ich sehe über die Welt hinaus, ich sehe viele Gräber. Dort ruhet der Mächtige, vom Marmorstein beschwert. Der Trauermarsch braust über ihn hin. Fahnen senken sich über das Grab. Ich sehe die Gräber derer, die viel geliebt sind. Tränenbenetzte Blumenkränze ruhen leicht auf dem Rasen über ihnen. Ich sehe vergessene Gräber und vermessene Gräber, Ruhestätten, die lügen, und andre, die nichts sagen. Nie aber habe ich Treffbube einen Bewohner des Grabes zu Gast einladen sehen.

»Johan Frederick hat gewonnen,« sagt der Oberst stolz. »Wußte ich es doch. Ich habe ihn spielen gelehrt. Ja, jetzt sind wir tot, wir alle drei, und er ist der einzige, der lebt.«

Damit sammelt er die Karten zusammen, erhebt sich und kehrt, von den andern gefolgt, nach Ekeby zurück. Nun muß der Tote doch wohl gespürt haben, daß nicht alle ihn und sein verlassenes Grab vergessen haben. Es ist eine seltsame Huldigung, die verwirrte Herzen denen darbringen, die sie lieben; aber der, der außerhalb der Mauer liegt, dessen toter Körper nicht in geweihter Erde hat Ruhe finden können, er muß sich doch darüber freuen, daß nicht alle ihn verwerfen.

Freunde, Menschenkinder, wenn ich sterbe, werde ich wohl mitten auf dem Friedhof in dem Erbbegräbnis meiner Väter ruhen. Ich habe meinen Lieben ihren Lebensunterhalt nicht geraubt, habe auch die Hand nicht gegen mein eigenes Leben erhoben, aber sicherlich habe ich nicht solche Liebe gewonnen, sicherlich wird niemand so viel für mich tun, wie die Kavaliere für diesen Verbrecher taten. Es kommt sicherlich niemand am Abend, wenn die Sonne untergeht und wenn es traurig und einsam

im Garten der Toten wird, um die bunten Karten zwischen meine knochigen Finger zu legen.

Es kommt nicht einmal jemand – und das würde ich noch lieber sehen, denn die Karten locken mich nur wenig – mit Violine und Bogen an mein Grab, damit mein Geist, der unter dem Rasen in moderndem Staub umherwankt, sich auf den Strömen der Töne wiegen kann, wie sich ein Schwan auf glitzernden Wellen wiegt.

Alte Lieder

Marianne Sinclaire saß an einem stillen Nachmittag zu Ende August in ihrem Zimmer und ordnete ihre Briefe und andere Papiere.

Alles lag und stand um sie her. Große lederne Reisetaschen und eisenbeschlagene Wagenladen waren ins Zimmer gezogen. Ihre Kleider waren über Stühle und Sofas gebreitet. Aus Bodenkammern und aus den Schränken und aus den gebeizten Truhen war alles hervorgeholt, Seide und feine Leinwand schimmerte, Schmucksachen waren herausgelegt, um geputzt zu werden, Schals und Pelzwerk sollten ausgesucht und nachgesehen werden.

Marianne stand im Begriff, sich zu einer langen Reise zu rüsten. Es war ungewiß, ob sie jemals wieder heimkehren würde. Sie stand an einem Wendepunkt in ihrem Leben und verbrannte deswegen eine Menge alter Briefe und Tagebücher. Die Erinnerung an die Vergangenheit sollte sie nicht beschweren.