Wie sie so dasitzt, fällt ihr ein Päckchen alter Lieder in die Hand. Es waren Abschriften von alten Volksliedern, die ihre Mutter ihr vorzusingen pflegte, als sie
noch klein war. Sie löste die Schnur, mit der sie zusammengebunden waren, und fing an zu lesen.
Sie lächelte wehmütig, als sie eine Weile gelesen hatte; es war eine wundervolle Weisheit, die diese alten Lieder verkündeten:
»Glaube nicht dem Glück, glaube nicht den Zeichen des Glücks, glaube nicht den Rosen und den lieblichen Blumen.«
»Glaube nicht dem Lachen,« sagten sie. »Siehe, die schöne Jungfer Valborg fährt in roter, goldverzierter Kutsche, und doch ist sie so traurig, als wenn Hufe und Räder über das Glück ihres Lebens dahingehen sollten.«
»Glaube nicht dem Tanz,« sagten sie. »Manch ein Fuß gleitet leicht über die gebohnte Diele dahin, während das Herz schwer ist wie Blei. Jung Kirsten trat den Tanz so heiter und froh, während sie ihr junges Leben forttanzte.«
»Glaub nicht dem Scherz,« sagten sie. »Mancher geht mit scherzendem Munde zu Tische und würde doch gern sterben, so traurig ist er. Dort sitzt schön Adelin und läßt sich Herzog Frydenborgs Herz in neun Stücken servieren, fest überzeugt, daß dies der Anblick ist, der ihr Kraft verleihen wird, sterben zu können.
Ach, ihr armen Lieder, woran soll man glauben? An Tränen und Kummer?
Selten seufzt ein frohes Herz, oft aber lacht ein trauriger Mund. An Tränen und Seufzer glauben die alten Lieder, an Kummer und an Zeichen des Kummers. Der Kummer ist der wirkliche, der bestehende, der feste Grundfelsen unter dem losen Sand. An den Kummer kann man glauben und an die Zeichen des Kummers.
Aber die Freude ist nichts als Kummer, der sich verstellt. Auf der Welt gibt es eigentlich nichts weiter als Kummer.