»Ach, ihr Trostlosen,« sagte Marianne, »wie viel zu kurz kommt nicht eure alte Weisheit gegenüber der Fülle des Lebens!«
Sie trat an das Fenster und schaute in den Garten hinaus, wo ihre Eltern lustwandelten. Sie gingen auf den breiten Wegen auf und nieder und sprachen über alles, was ihrem Auge begegnete, über das Gras des Feldes und die Vögel des Himmels.
»Siehe,« sagte Marianne, »da geht nun ein Herz und seufzt vor Kummer, obwohl es noch nie zuvor so glücklich gewesen ist.« Und es fiel ihr plötzlich ein, daß schließlich doch wohl alles bei den Menschen selber liege, daß Freude und Kummer nur von ihrer verschiedenen Art und Weise, die Dinge aufzufassen, abhinge. Sie fragte sich selbst, ob es Freude oder Kummer sei, was ihr in dem letzten Jahr widerfahren. Sie wußte es selber kaum.
Sie hatte bittere Zeiten durchgemacht. Ihre Seele war krank gewesen; sie war in ihrer tiefen Erniedrigung zu Boden gebeugt. Denn als sie nach Hause zurückgekommen war, hatte sie zu sich selbst gesagt: »Ich will alles Böse vergessen, was mein Vater getan hat.« Aber ihr Herz sprach anders. »Er hat mir einen tödlichen Schmerz verursacht,« sagte es, »er hat mich von dem Geliebten getrennt, er hat mich zur Verzweiflung gebracht, als er die Mutter schlug. Ich wünsche ihm nichts Böses, aber ich fürchte mich vor ihm.« Und sie merkte, daß sie sich zwingen mußte, ruhig sitzenzubleiben, wenn ihr Vater sich neben sie setzte; sie empfand die größte
Lust, vor ihm zu entfliehen. Sie versuchte, sich zu ermannen, sie sprach mit ihm wie gewöhnlich und hielt sich fast ausschließlich in seiner Gesellschaft auf. Beherrschen konnte sie sich, aber sie litt unsagbar. Es kam schließlich so weit, daß sie alles an ihm verabscheute: seine starke, grobe Stimme, seinen schwerfälligen Gang, seine großen Hände, seine ganze, gewaltige Riesengestalt. Sie wünschte ihm nichts Böses, sie wollte ihm nicht schaden, aber sie konnte sich ihm nicht nähern, ohne ein Gefühl des Entsetzens und des Abscheus zu empfinden. Ihr unterjochtes Herz rächte sich. »Du ließest mich nicht lieben,« sagte es, »aber ich bin dennoch dein Herr, du wirst noch damit enden, mich zu hassen.«
Gewohnt wie sie war, alles zu beobachten, was sich in ihrer Seele rührte, merkte sie sehr wohl, wie dieser Abscheu sich mit jedem Tage steigerte. Gleichzeitig war es ihr, als sei sie für beständig an ihr Heim gebannt. Sie sah ein, daß es am besten sein würde, wenn sie unter Menschen käme, dazu aber konnte sie sich seit ihrer Krankheit gar nicht entschließen. Sie würde niemals Linderung für dies alles finden. Sie würde nur immer unglücklicher werden, und eines schönen Tages würde es mit ihrer Selbstbeherrschung ein Ende haben und sie würde ihrem Vater alles sagen und ihm die ganze Bitterkeit ihres Herzens zu erkennen geben, und dann würde Streit und Unglück entstehen.
So waren der Frühling und der erste Teil des Sommers vergangen. Im Juli hatte sie sich mit Baron Adrian verlobt, um ihr eigenes Heim zu haben.
Eines schönen Vormittags war Baron Adrian auf einem prächtigen Pferd auf den Hof gesprengt. Seine Husarenjacke
hatte in der Sonne geblitzt und gestrahlt, gar nicht zu reden von seinem eigenen frischen Gesicht und seinen strahlenden Augen. Melchior Sinclaire hatte selber auf der Treppe gestanden und ihn in Empfang genommen, als er kam. Marianne hatte am Fenster gesessen und genäht. Sie hatte ihn kommen sehen und hörte nun jedes Wort, das er mit ihrem Vater sprach.
»Guten Tag, Ritter Sonnenschein!« rief der Gutsherr. »Du bist ja ganz verteufelt fein! Du solltest doch wohl nicht auf Freiersfüßen gehen?«