Jetzt aber wurde die Stiefmutter von einer übermäßigen Angst befallen, die ihr fast den Verstand raubte. Sie glaubte ohnedies, alle Menschen, Vater kaum ausgenommen, seien Diebe, und lebte in beständiger Angst um ihr Eigentum. Während der vielen Jahre, die sie als Haushälterin in vornehmen Häusern verbracht hatte, waren ihr eine Menge Silbersachen geschenkt worden, und
sie verwahrte diese in einem Schrein, den sie jede Nacht unter ihr Bett stellte. Dieses Silber war ihr das Liebste, was sie besaß, und jetzt, wo sich ein so berüchtigter Dieb in der Nähe aufhielt, war sie der festen Überzeugung, es zu verlieren.
Die Stiefmutter hatte zwar ihre Schränke und Truhen schon vorher so gut verschlossen und verriegelt wie nur immer möglich; aber seit Vetter zurück war, hatte sie kaum noch für etwas anderes Zeit, als die Schlüssel an ihrem Schlüsselbund zu zählen. Abends holte sie eine große Axt aus der Geschirrkammer und lehnte sie an ihr Bett, auch ließ sie Vater keine Ruhe, bis er eine geladene Flinte über seinem Bett aufhängte.
Vater versuchte sie zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß Vetter bei seinen Nachbarn niemals etwas stehle; aber auch er konnte ihr die unvernünftige Angst nicht austreiben.
Nachdem Vetter indes ein paar Tage daheim war, machte er wie gewöhnlich einen Besuch auf Lövdala. Mutter stand eben in der Küche, sah ihn am Fenster vorbeigehen und fragte gleich, wer das sei.
»Das ist ja der Vetter«, sagte die Haushälterin, ohne eine Spur von Verwunderung. »Er kommt natürlich, um dem Herrn Pfarrer seine Rückkehr zu melden.«
Das hatte die Stiefmutter nicht erwartet, denn der Mann, der da in die Studierstube hineingegangen war, hatte ja ganz wie ein ehrbarer, biederer Bauersmann ausgesehen. Ihre Beine versagten ihr den Dienst, und sie sank entsetzt auf einen Stuhl nieder.
So rasch sie es vermochte, raffte sie sich wieder auf, eilte ins Zimmer hinein, ergriff ihren Silberkasten, setzte sich damit auf das Kanapee im Saal und hielt ihn, solange Vetter beim Pfarrer drinnen war, fest umschlungen.
Aber Mutter durfte recht lange mit ihrem Silberkasten im Arm da sitzenbleiben, denn Vater hatte von jeher eine gewisse Schwäche für Vetter gehabt und ließ ihn nicht gehen, bis er ihm alle seine Streiche berichtet hatte. Und dann mußte ihn ja Vater auch noch ein wenig ermahnen, damit es nicht aussah, als habe er Vetter nur zu seinem Vergnügen schwatzen lassen.
Danach hatte sich Mutter wegen der Sachen, die sich im Wohnhaus befanden, doch etwas beruhigt. Um so größere Angst hatte sie aber um ihre Kisten in den Nebengebäuden und noch am allermeisten um das Vorratshaus. Dieses hatte nur ein altes, schlechtes Schloß; wer nur immer wollte, konnte es aufmachen. Wenn man den Schlüssel nicht bei sich hatte, ließ es sich ganz leicht mit einem Hölzchen öffnen.