»Lieber Herr Vater, ich habe Frau Pastor Liljecrona noch nie gesehen und verstehe nicht, was Ihr meinet.«

Der Vater zuckte die Achseln und sagte, sie verstehe ihn vielleicht besser, wenn er ihr sage, daß dies die Frau Pfarrer sei, die vorher viele Jahre lang Haushälterin bei Pastor Liljecrona gewesen war.

Vaters Stimme hatte dabei einen sonderbaren, ja verächtlichen, zornigen Klang. Maja Lisa zwang sich aufzusehen. Vaters Stirne war finster zusammengezogen, und er wurde abwechslungsweise blaß und rot. Da sah Maja Lisa, daß ihr Vater über irgend etwas nicht allein tief unglücklich, sondern auch über die Maßen empört war. Und obgleich sie durchaus nicht begreifen konnte, wie das möglich war, mußte sie sich sagen, daß er über sie selbst böse sei.

Da stand sie unwillkürlich von dem Fußbänkchen auf und stellte sich schlank und aufrecht vor ihren Vater hin, wie um sich besser verteidigen zu können.

»Der Herr Vater sieht doch wohl, daß ich jetzt nicht klüger bin als vorher«, sagte sie.

Der Vater sah aus, als hätte er eine solche Widerspenstigkeit nicht erwartet, und erwiderte: Er wisse zwar, daß sie die Geschichte kenne, aber da sie sie noch einmal hören wolle, könne er sie ihr ja ebensogut auch auf seine Weise erzählen. Tante Margareta in Svansskog habe ihr vielleicht keine ganz richtige Schilderung gegeben.

Hier erkühnte sich Maja Lisa, den Vater zu unterbrechen, indem sie sagte, die Tante in Svansskog habe ihr

zwar viel von Pastor Liljecrona erzählt, die Haushälterin aber mit keinem Wort erwähnt.

Der Vater machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Es sei auch einerlei, ob ihr die Tante oder jemand anders den Klatsch zugetragen habe. Jedenfalls sei es ein Frauenzimmer gewesen, denn die Frauen seien allemal am schlimmsten gegeneinander. Wenn ein Mann von der Sache gesprochen hätte, würde er zugleich auch darauf hingewiesen haben, daß man sich in die Lage eines andern versetzen müsse, ehe man ihn verurteile. Wie viele von denen, die froh gewesen waren, daß es Pastor Liljecrona so lange unter den Finnen ausgehalten und dort an ihrer Aufklärung gearbeitet hatte, hätten sich wohl Gedanken darüber gemacht, wie es ihm da droben ging? Er selbst habe erst heute erfahren, daß jener in einer Finnenhütte wohnte, die nur eine einzige Stube hatte, und sich mit einer Besoldung begnügte, die nicht über hundert Taler im Jahre betrug. Welche ungeheure Arbeit also für die Person, die seinem Haus vorstehen und die ärgste Not abwehren sollte! Sie habe nicht allein die Kleider gewoben, sondern sie überdies auch genäht. Sie habe die Kühe und die Schafe in den Wald auf die Weide geführt und da gehütet; und während all der Jahre, die sie in seinem Dienst gestanden, sei sie ihm von viel größerem Nutzen gewesen, als die verwöhnte Tochter eines Herrenhofs sich vorstellen könnte. Und der Frau Pfarrer sei es gewissermaßen zu verdanken, daß Pastor Liljecrona sein gutes Werk da droben habe vollbringen können.

Jetzt fühlte sich die Pfarrerstochter auch etwas gereizt. Warum war der Vater so aufgebracht? Meinte er, sie habe Pastor Liljecrona damals in Svansskog an sich zu locken gesucht? Mit ihm zu sprechen, war doch wohl nicht verboten gewesen?