Der Vater war gewiß überrascht, daß Maja Lisa nach diesem schlagenden Beweis nicht nachgab, sondern nur weiter fragte:

»Bitte, Herr Vater, erzählet mir noch weiter, was ich getan habe. Es ist so lustig anzuhören. Ich kann nicht alles erraten.«

»Was du weiter getan hast?« Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ist es nicht genug, daß du den Brief geschrieben hast? Daß du dir einen Mann aneignen wolltest, der einer andern gehört? Daß du ein Weib beleidigt hast, das nur aus Liebe gesündigt hat? Was du getan hast? Du hast dieses andere Weib so zur Verzweiflung gebracht, daß sie in ihrer Desperation die wahnsinnigste Torheit begeht. Sie wandert nämlich nach Karlstadt, sucht den Bischof auf, erzählt ihm alles und bittet um Hilfe. Darauf nimmt sich der Bischof ihrer Sache an und schreibt an Liljecrona, da er jetzt im Begriff stehe, eine große Pfarrei anzutreten, müsse er größere Anforderungen an sich selbst stellen. Er gibt ihm zu verstehen, daß er nicht zum Propst ernannt werden könne, ehe er seine eigenen Angelegenheiten in zufriedenstellender Weise geordnet habe. Der Bischof hat gewiß so freundlich und klug wie möglich geschrieben, aber Pastor Liljecrona ist ein stolzer, heftiger Mann. Er hat sich außerordentlich beschämt gefühlt und ist aufs tiefste verletzt gewesen. Es ist anzunehmen, daß sein gutes Herz schließlich gesiegt hätte, wenn nichts in der Sache geschehen wäre. Er würde die zufällige Leidenschaft, die ihn ergriffen hatte, überwunden und freiwillig dem Gebot der Pflicht gehorcht

haben. Jetzt aber fühlt er sich gezwungen, er gerät in Verzweiflung, und es bemächtigt sich seiner ein unauslöschlicher Haß gerade gegen die, die so großes Recht auf seine zärtliche Fürsorge hat. Im Anfang läßt er indes nichts von diesem seinem Hasse merken, und ebensowenig erwähnt er das Schreiben des Bischofs. Aber eines Tages, ungefähr einen Monat, nachdem er das Schreiben empfangen hat, geht er in den Stall, spannt sein Pferd ein, fährt an seiner Tür vor und fragt, ob die Haushälterin ein Stück mitfahren wolle. Dies wird von ihr als eine große Freundlichkeit aufgefaßt, an die sie nicht mehr gewöhnt ist. Sie springt auf, nimmt rasch ein Kopftuch und setzt sich in der kurzen Werktagspelzjacke und in den derben Stiefeln, gerade wie sie geht und steht, in den Schlitten, der sogleich abfährt. Sie kommen an ein paar größeren Höfen vorbei. Es sind allerdings nur Finnenhütten; aber sie gerät doch wegen des Werktagskleides in Verlegenheit und will aussteigen und heimgehen. Doch nein, der Pfarrer will nicht halten. So gibt sie sich zufrieden; es geht in einen öden Wald hinein, die Fahrt wird immer toller. Sie beginnt sich zu fürchten und bittet aufs neue, aussteigen zu dürfen. Da wird ihr mit harter Stimme und zornigen Blicken erklärt, daß sie sich auf der Hochzeitsfahrt befinde; sie sei auf dem Weg nach dem Pfarrhof in Westmarken, um da getraut zu werden. Sie glaubt, es sei ein Scherz, und bleibt eine Zeitlang sitzen, dann bittet sie noch einmal, den Schlitten verlassen und heimgehen zu dürfen. Da wird das Pferd mit einem Ruck angehalten, und sie erfährt, daß es ihr freistehe, den

Schlitten zu verlassen, wenn sie es durchaus wolle; tue sie es aber, so verliere sie damit alle Aussicht, jemals getraut zu werden. Er habe jetzt die Absicht, nach Westmarken zu reisen und sich mit ihr trauen zu lassen, wenn sie aber diese Gelegenheit nicht benütze, werde sich eine solche nicht zum zweitenmal bieten. Sie wendet ein, die Trauung sei ja unmöglich, da noch kein Aufgebot stattgefunden habe. Da teilt er ihr mit, daß dies ohne ihr Wissen in ihrer Heimatgemeinde geschehen sei, und sein Gesicht hat dabei einen so erschreckenden Ausdruck, daß sie nahe daran ist, auszusteigen. Aber da fällt ihr ein, daß sie damit ihrem ganzen Lebensglück entsagen müßte, und so bleibt sie sitzen. Während der ganzen weiteren Fahrt ist sie voller Zweifel; sie begreift, wie verhaßt sie ihm sein muß, wenn sie auf diese Weise gezwungen wird, sich ohne ein anständiges Hochzeitskleid trauen zu lassen. Noch vor dem Altar ist sie auf dem Punkt, nein zu sagen; aber sie tut es doch nicht. Sie will den Geliebten nicht der andern überlassen, ihr, die den Brief, jene abscheulichen Zeilen, die das ganze Unglück verursacht haben, geschrieben hat. Sie hofft wohl auch, den Haß mit der Zeit mildern, hofft, zurückerobern und versöhnen zu können. Aber in dieser Beziehung verrechnet sie sich; sie ist ihm wirklich so verhaßt, daß sie sich entsetzt. Es wird ihr mitgeteilt, daß der Mann die große Pfarrei ganz entschieden abgelehnt hat, und sie fühlt, daß er es getan hat, damit sie sich weiter in der Armut wie ein Sklave abschinden soll. Geordnete Verhältnisse und eine angesehene Stellung werden ihr nicht gegönnt. Doch nicht genug damit.

Sie entdeckt bald etwas noch viel Schlimmeres, nämlich, daß er sich auf jede Weise zu schaden sucht; sie entdeckt, daß er ohne Maß, ohne Beherrschung zu trinken anfängt. Sie bittet und bettelt, aber es hilft nichts. Sie kann es sich nicht verhehlen, daß er keine Freude mehr am Leben hat. Er fragt nicht einmal mehr nach seiner armen Gemeinde; er will sich zugrunde richten, will untergehen. – So also ist eine prächtige Laufbahn abgebrochen, ein vortrefflicher Mann ist in ein Ungeheuer verwandelt worden. Und alles infolge der Unbedachtsamkeit eines unvernünftigen jungen Mädchens! Ob du jetzt wohl begreifst, was du getan hast? Ob du vor allen Dingen verstehst, daß du am besten daran tätest, zu gestehen, daß du das Briefchen in einer flüchtigen Leidenschaft geschrieben hast? Denn wenn es nicht so wäre, würdest du deinen Vater zwingen, zu glauben, daß du den Brief aus teuflischer Berechnung geschrieben hast, um Liljecrona zu beseitigen, damit sein Platz in Sjöskoga von einem andern, der dir etwa noch näher steht, eingenommen werden könnte. Doch dann könnte dir nicht verziehen werden – da könnte ich dich nicht mehr meine Tochter nennen.«

Während dieser ganzen Rede hatte Maja Lisa immerfort überlegt, wie sie den Vater überzeugen könnte, daß sie das Briefchen nicht geschrieben habe. Ach, wenn ihr bei einer andern Gelegenheit diese Geschichte mit so großer Beredsamkeit vorgetragen worden wäre, wie gerührt wäre sie da gewesen! Jetzt aber drehten sich alle ihre Gedanken nur um die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, und zwar nicht nur von ihrem Vater. Sie dachte dabei nicht

an die arme Frau, sondern an den Mann, der sie hierher begleitet hatte, um sie anzuklagen. Er glaubte also die Beschuldigung auch, glaubte, daß sie geschrieben habe, um sich einen Mann zu erbetteln, der einer andern gehörte!

Da wendete sie sich plötzlich von dem Vater ab und sah Liljecrona an.

Seine Augen waren nicht auf sie gerichtet; trotzdem zuckte er zusammen, als habe er ihren Blick gespürt. Er sah tief bekümmert aus; aber jetzt flog mit einemmal das gütige Lächeln über sein Gesicht. Er warf ihr einen beruhigenden Blick zu, gerade wie einem Kinde, das eine Torheit begangen hat, und schien sie bitten zu wollen, gefaßt zu sein, es sei keine große Gefahr vorhanden. Darauf sah er gleich wieder weg.