In Maja Lisas Stimme mußte etwas gelegen haben, das ihn rührte. Er sah zu ihr auf, und dabei verschwand der düstere, erschreckende Ausdruck aus seinem Gesicht. Er hielt noch immer die Geige und den Bogen in der Hand, und plötzlich kam es ihm beschwerlich vor, sie noch länger halten zu müssen; aber er wollte sie nicht auf die Erde legen, und so reichte er sie Maja Lisa zum Fenster hinein. Maja Lisa nahm sie schweigend in Empfang und legte sie auf einen Tisch im Zimmer.

Als sie darauf wieder ans Fenster trat, griff er nach ihren beiden Händen. Er drückte sie gegen seine Stirne

und hielt sie so eine Weile ganz still fest, wohl damit sie fühlen sollte, wie heiß und verwirrt seine Gedanken da drinnen durcheinanderwogten. Darauf begann er mit unsäglich trauriger Stimme und mit vielen Unterbrechungen, aber doch so, daß sie ihn wiedererkennen konnte, zu reden.

»Nein, Maja Lisa, du darfst nicht glauben, daß ich es so meine, wie ich vorhin gesagt habe. Nicht meinetwegen bitte ich dich, mich freizugeben, nein, durchaus nicht. Aber ich kann nicht so gewissenlos sein, dich mit in mein Unglück hineinziehen zu wollen. Jetzt hast du gesehen, wie ich bin, wenn die Schwermut mich überkommt. Nun kannst du nicht mehr wünschen, mit mir vereinigt zu werden.«

Er schwieg, wie um eine Antwort abzuwarten; aber Maja Lisa war so betrübt und erschrocken, daß sie nichts zu sagen wußte, und so fuhr er fort:

»Ich weiß ja recht wohl, wie es dir geht; und jetzt, wo du deinen Vater verloren hast, möchte ich nichts lieber tun, als dir zur Seite stehen und dir helfen. Aber bedenke: was du auch Schweres von deiner Stiefmutter erleiden magst, kann in keiner Weise mit dem Elend verglichen werden, das dich erwartet, wenn du mit mir vereinigt wirst. Ich muß dir bekennen, ich kann nicht anders. Es kann mich zuzeiten eine so tiefe Schwermut überkommen, daß ich es nicht mehr daheim aushalte, sondern in die Wildnis hinauswandere und dort, ohne mit einem Menschen zu verkehren, oft wochenlang umherstreife, ja und bisweilen stürze ich mich auch in das wildeste Leben

hinein, nur um Vergessen zu finden. Ach, aber das verstehst du doch wohl, Maja Lisa, daß ich dich zu liebhabe, um dich in dieses hineinziehen zu wollen. Ich hätte mich dir nie nähern sollen, und ich würde es auch nicht getan haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, ich sei geheilt.«

Wieder hielt er inne; da Maja Lisa aber ihre Antwort noch nicht fertig hatte, fuhr er fort:

»Vorhin fühlte ich fast Zorn gegen dich in meinem Herzen aufsteigen, weil ich deinetwegen wieder gespielt hatte; denn gerade das Spiel hat mir gezeigt, daß das Schwere und Düstere noch immer in meinem Herzen wohnt. Und da hab’ ich gewünscht, diese Gefahr wäre mir gar nicht zum Bewußtsein gekommen, und wir hätten geheiratet, während ich noch glaubte, alles stehe gut. Aber das wirst du doch verstehen, daß ich nur einen einzigen Augenblick so dachte. Ich habe dich zu lieb, Maja Lisa, ja, ja, zu lieb, um zu wünschen, daß du meine Frau werden sollst.«

Während er all dies sagte, sah ihn Maja Lisa unverwandt an. Sie begriff, er sprach die Wahrheit, wenn er sagte, er leide an tiefer Schwermut, und es war wohl möglich, daß sie, wenn sie ihn heiratete, noch unglücklicher wurde, als wenn sie wieder unter die Herrschaft der Stiefmutter kam. Aber sie konnte an nichts anderes denken, als daß sie ihm zur Seite stehen und ihm helfen wollte.