»Ach,« sagte sie, »das weißt du doch wohl, daß ich lieber Sorgen und Unglück mit dir teile, als mit einem andern lauter frohe Tage verleben möchte. Wenn es wahr
ist, daß du mich lieb hast, dann sollst du nicht von mir gehen. Wie könnte ich – –«
Sie verstummte plötzlich, denn sie sah ja, daß das, was sie sagte, keine Macht über ihn hatte.
»Ach,« dachte sie, »wie kann ich ihn doch zu der Einsicht bringen, daß es das größte Unglück für mich ist, wenn ich nicht bei ihm sein und ihm nicht in seiner Not beistehen darf!«
»Das ganze Jahr hindurch«, dachte sie weiter, »habe ich immerfort in Sorge und Angst gelebt. Nun sollte ich doch etwas gelernt haben. Ich bin jetzt kein solches Kind mehr wie damals, wo ich meinen guten Vater verloren habe, und ich will über das alles, was ich zu erdulden hatte, nicht klagen, wenn ich nur dadurch an Verstand so zugenommen habe, daß ich jetzt den, den ich liebe, festzuhalten vermag.«
Sie schlug die Augen auf und sah über den Garten hin, wie wenn sie jemand suchte, der ihr helfen könnte. Und da war sie ganz überrascht. Wohl möglich, daß sie gestern kein Auge für so etwas gehabt hatte, möglich auch, daß es erst über Nacht so geworden war. Jedenfalls hatte sie vor diesem Augenblick nicht bemerkt gehabt, daß in Vaters Obstgarten alle Apfelbäume in voller Blüte standen. Es war, als dehne sich ein großes weiß und rosa schimmerndes Dach vom Wohnhaus bis hinüber zu dem Birkengehölz, das den Garten gegen den Nordwind beschützte. Alle Zweige waren mit Blüten bedeckt, ja, Maja Lisa war es, als entfalteten sie sich, während ihr Blick auf ihnen ruhte. Eine große Menge Bienen
und Hummeln schwirrten und summten um die duftenden, schimmernden Blüten. Die Sonne war über den Berggipfel emporgestiegen, ihre Strahlen lagen auf den Baumwipfeln des Gehölzes, sie glitten und tanzten über die Ackerfelder hin, als hätten sie große Eile, zu den glänzenden Apfelblüten hinzugelangen, um ihnen noch mehr Glanz und Schimmer zu verleihen, als sie schon vorher hatten.
Als Maja Lisa dies sah, war es ihr, als müßte ihr das Herz vor Mitleid brechen.
»Der Ärmste, der Ärmste!« dachte sie. »Ist es verwunderlich, daß er schwermütig ist? Seit seinem vierzehnten Jahre hat er keine Heimat mehr gehabt. Das würde anders werden, wenn ich ihn hier auf Lövdala hätte. Welch eine gute Heimat könnte ich ihm bereiten! Ich weiß, wie schön ich es bis zum letzten Jahre immer gehabt habe. Schließlich würde er hier unter den Apfelbäumen ebenso glücklich umherwandeln wie einst mein guter Vater. Ach, wenn ich doch nur für ihn sorgen dürfte!«
Sie wurde ganz rot vor Eifer, und ihre Augen glänzten. Wenn es ihr doch nur gelänge, so von Lövdala mit ihm zu reden, daß er verstand, wie herrlich es hier war und daß ihm eine solche gute Heimat gerade fehlte!