Die Tränen liefen ihr in Strömen die Wangen herab, und sie konnte sie nicht zurückhalten. Sie gab sich zwar alle Mühe, denn es war ihr höchst widerwärtig, zu denken, daß die Dienstboten glauben könnten, sie weine nur, weil sie allein daheim bleiben mußte, während die Eltern auswärts waren und sich vergnügten.
Aber das war es nicht, was sie so unglücklich machte. Nein, was sie sosehr bekümmerte, war, daß sie Britta ihr Wort nicht halten konnte. Wenn sie bedachte, wie oft sie miteinander von dieser großen Hochzeit gesprochen hatten! Es war ihr ja nicht möglich gewesen, die Braut ganz mit dem ihr vorgeschlagenen Bräutigam auszusöhnen; aber es hatte sie doch immer aufgemuntert, wenn Maja Lisa gesagt hatte, sie freue sich, Britta im Hochzeitsstaat zu sehen.
Ja, Maja Lisa hatte Grund zu weinen, sie hatte Britta ihr Wort brechen müssen; das war ihr zu schwer.
Plötzlich horchte sie auf! Wie sonderbar, es war ihr gewesen,
als höre sie Schellengeklingel! Ja und auch Geigenspiel! Sie konnte sich nicht täuschen.
Deutlicher und deutlicher hörte sie es. So viel war sicher, irgend etwas hörte sie. Aber woher in aller Welt mochte es kommen? Sie stand auf und trat an das nach Osten gehende Fenster, wo sie auf die zum Pfarrhaus führende Allee hinaussehen konnte.
Als sie vor etwa einer Stunde Feuer im Ofen angezündet hatte, war es draußen schon dunkler Abend gewesen; jetzt war das Feuer niedergebrannt, und es war dunkel in der Kammer, während es draußen heller geworden war. Nun leuchtete eine klare, sternhelle Nacht draußen, der Schnee auf dem Boden und der Rauhreif auf den Bäumen hatten von selbst zu leuchten angefangen, und als die Pfarrerstochter ans Fenster trat, war es gerade, als schaue sie in einen hellerleuchteten Raum hinein.
Jetzt sah sie ganz deutlich, daß ein Hochzeitszug durch die Allee und zwischen den alten Wirtschaftsgebäuden des Hinterhofs dahergefahren kam. Im ersten Schlitten saßen die Musikanten mit den Geigen unter dem Kinn und fiedelten aus Leibeskräften auf den Saiten herum. Im nächsten saßen Braut und Bräutigam; und die Braut hatte sich nicht einmal einen Schal über den Kopf geworfen, sondern ließ die Krone im weißen Schneelicht schimmern. Darauf kam Schlitten um Schlitten mit Hochzeitsgästen. Maja Lisa erkannte den Schimmel des Küsters Moreus, den roten Schlitten des Kirchenvorstehers und – –
Es schwindelte ihr vor den Augen, und sie mußte sich auf einen Stuhl neben dem Fenster niederlassen. Sie konnte nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Warum fuhr die Hochzeitsgesellschaft von Loby hierher ins leere Pfarrhaus?
Aber vielleicht war es nur ein Wahngebilde, das vor ihr auftauchte, weil sie den ganzen Tag hindurch mit allen ihren Gedanken bei der Hochzeit gewesen war.