Am liebsten wäre sie auf und davon gegangen und geradeswegs wieder nach Hause gelaufen. Sie ging auch bis an die Türe; aber als sie diese erreicht hatte, versagten ihr die Knie. Dicht bei der Türe stand ein niederes Bänkchen, auf dieses sank sie nieder, und da blieb sie sitzen.

Und dabei konnte sie sich so gut vorstellen, was die Tante über diese Nichte dachte, die nur hereinkam, um gleich zu weinen, und sie mitten in der Wäsche störte.

Das heißt, die Tante sah gar nicht aus, als sei sie sosehr aufgeregt. Sie hörte auf zu waschen, nahm sich aber ruhig Zeit, noch eine Schöpfkelle heißes Wasser in den Zuber zu gießen, und sie legte auch noch ein Scheit Holz aufs Feuer, ehe sie zu der weinenden Nichte an der Türe trat.

»Du wirst doch keine Angst vor mir haben«, sagte sie; »ich bin vielleicht gar nicht so schlimm, wie ich aussehe.«

Aber wenn die Tante gemeint hatte, sie werde die Pfarrerstochter mit diesen Worten trösten und den Tränenstrom zum Versiegen bringen, dann hatte sie sich verrechnet. Diese Tränen kamen aus einer so tiefen, reichen Kummerquelle, die, nachdem sie nun einmal übergeflossen war, stundenlang fortfließen mußte.

Auch jetzt noch konnte Maja Lisa kein Wort herausbringen, obgleich sie sich sagte, der Tante werde die Geduld ausgehen, und sie dürfe ihre Wäsche nicht zu lange im Stich lassen. Aber die Tante wußte sich zu helfen, sie wendete sich einfach an die Kleine, die sich die ganze Zeit dicht neben der Pfarrerstochter gehalten hatte und nun ganz erschrocken sachte deren Hand streichelte.

»Vielleicht weißt du, warum Maja Lisa weint?« fragte sie. »Sie kann sich’s doch wohl nicht so zu Herzen genommen haben, daß ich nicht gleich Zeit hatte, sie ordentlich zu begrüßen.«

Man konnte ihrer Stimme anhören, daß sie am liebsten darüber gelacht hätte, und das mußte die Kleine verstanden haben, denn diese wurde plötzlich ganz wütend.

»Soll sie nicht weinen, wenn Ihr Euch so gegen sie

benehmt?« rief sie. »Da kommt sie zur leiblichen Schwester ihrer Mutter, um sie um Hilfe zu bitten, und dann sagt diese nicht ein einziges freundliches Wort zu ihr.«