Nie hatte sie die Kirche so überfüllt gesehen: auf dem Altartisch und auf den Kanzelstufen saßen Menschen, sie standen in den Gängen, sie drängten sich in den Bänken, und draußen war der Weg voll Leute, die nicht hereinkommen konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, vor ihnen wich die Menge zurück.

„Friederike,“ sagte ihre Schwester, „sieh die Menschen an.“

Und Mamsell Friederike sah und sah.

Da merkte sie, daß sie wie die Frau im Märchen zu der Messe der Toten gekommen war. Sie fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, aber es erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fühlte mehr Neugierde als Angst.

Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter Frauen waren da: graue, gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen Kragen und verblaßten Mantillen, mit Hüten von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestoßnen Röcken. Sie sah eine ungeheure Menge verrunzelter Gesichter, eingesunkner Lippen, trüber Brillen und verschrumpfter Hände, doch keine einzige Hand, die zwei glatte Ringe trug.

Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren alle die entschlafnen alten Jungfern im Lande Schweden, die in der Österhaninger Kirche Mitternachtsmesse feierten.

Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.

„Schwester, bereust du, was du für diese deine Schwestern getan hast?“

„Nein,“ sagte Mamsell Friederike. „Woran sollte ich mich wohl freuen, wenn nicht, daß es mir beschert war, für sie zu arbeiten: ich opferte einmal mein Ansehen als Schriftstellerin für sie. Ich bin froh, daß ich wußte, was ich opferte, und es dennoch tat.“

„Dann kannst du bleiben und weiter zuhören,“ sagte die Schwester.