In demselben Augenblick hörte man jemand drüben im Chor sprechen, eine sanfte, aber deutliche Stimme.
„Schwestern,“ sagte die Stimme, „unser beklagenswertes Geschlecht, unser unwissendes und verhöhntes Geschlecht, bald wird es nicht mehr sein. Gott hat gewollt, daß wir von der Erde aussterben.
Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage sein. Das Maß der alten Jungfern ist erfüllt. Der Tod reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte von uns zu treffen. Vor der nächsten Mitternachtsmesse ist sie tot, die letzte alte Mamsell.
Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen auf Erden. Die Zurückgesetzten beim Gastmahl, die danklos Dienenden im Heim. Hohn und Lieblosigkeit umgab uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel dem Gespött anheim.
Aber Gott hat sich erbarmt.
Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von uns gab er niemals versagende Güte. Einer gab er des Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles, was wir hätten sein sollen. Sie warf Licht über unser dunkles Schicksal. Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, aber tausend Heimen gab sie ihre Gabe. Sie war die Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen, aber sie kämpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie erzählte ihre Märchen tausend Kindern. Sie hatte ihre armen Freunde in allen Ländern. Sie gab aus vollern Händen als wir und mit wärmerm Gemüt. In ihrem Herzen war kein Raum für unsre Bitterkeit, denn sie hat fortgeliebt. Ihr Ruhm war wie der einer Königin. Sie hat den Zoll der Dankbarkeit von Millionen Herzen eingehoben. Ihre Worte sind in den großen Fragen der Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist durch neue und alte Welten erklungen. Und doch ist sie nur eine alte Mamsell.
Sie hat unser dunkles Schicksal erklärt. Gesegnet sei ihr Name!“
Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: „Gesegnet sei ihr Name!“
„Schwester,“ flüsterte Mamsell Friederike, „kannst du ihnen nicht verbieten, mich armen sündigen Menschen hochmütig zu machen?“
„Aber Schwestern, Schwestern,“ fuhr die Stimme fort, „sie hat sich gegen unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach Freiheit und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder niedergebrochen. Sie hat die jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten alten Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen, wie wir gewesen sind.“