Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der wehenden Feder. Sie vergaß, daß sie noch ein Jahr leben mußte.

„Ich bin bereit,“ flüsterte sie.

„Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.“

Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand er; aber sie begann zu frieren und zu zittern unter dem Kuß des Todes.

Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in der Kirche, auf demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier vergaß sie Ritter und Gespenster und saß lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.

Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, oder ob die Wärme und der Kerzenrauch eine einschläfernde Wirkung auf sie ausübten, wie auf so viele andre – genug, sie schlummerte ein, nur einen Augenblick, sie konnte es nicht hindern.

Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in das Land der Träume öffnen wollte.

In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren strengen Vater, ihre schöne elegante Mutter und die häßliche kleine Petrea in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst zusammengepreßt, größer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das Kind saß bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wären und durch sein Herz gingen.

„O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!“

In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so wie unter dem Kuß des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.