Wo ist der klügste Mensch wohl auf der Welt vollkommen?
Wo ist ein Frommer wohl der nie was unternommen;
Das ohne Tadel sey? Wo trift man einen an,
Der niemals weil er lebt der Tugend Tort gethan?
Dieß überlegt er nicht; Er sieht des Nächsten Splitter,
Nur seinen Balken nicht. Was vor ein Ungewitter;
Was vor ein wildes Feur regt sich in seinem Geist
Wenn einer etwas thut das schwach und menschlich heist?
Wenn einer ohngefehr nicht höflich gnug erscheinet;
Wenn einer etwas sagt, das oft nicht bös gemeinet;
Ein Wort, das von dem E und A den Anfang nimmt,
Das sich ein Gassen=Kind zu seiner Wehr bestimmt,
Das muß Gelegenheit zu Zorn und Rache geben,
Da schwört man Stein und Bein der Kerl darf nicht mehr leben.
Ha! spricht ein Edelmann, das schickt sich nicht vor mich!
Ich bin ein Cavallier! es röch zu bürgerlich
Wenn ich jetzt schweigen solt. Ich bin beleidget worden!
Fort Adel räche dich! fort! du must ihn ermorden!
Jezt wezt er seinen Stahl auf seines Gegners Arm;
Jezt geht er auf ihn loß, und dringt ihn durch den Darm.
Seht! wie er so geschickt den Degen weiß zu führen.
Besteht der Adelstand vieleicht in duelliren?
Wo steht es ausgemacht, daß der ein Ritter heist,
Der sich fein viel und oft auf Blut und Leben schmeist?
Ziert dieß die Wappen aus, wenn sich zwei Degen hauen?
Ich hielt es würklich eh vor wilde Bären=Klauen.
Fällt wohl ein toller Hund den andern also an?
Hat wohl so leicht ein Wolff dem andern leids gethan?
Wo hat ein Löw also den andern aufgerieben?
Heist das was löbliches, und adliches verüben?
Räth dieses die Vernunft die uns zu Menschen macht,
Durch welche man nach Ruhm und wahrer Ehre tracht,
Daß man Leib, Seele, Blut so schnöde soll verletzen?
Giebts keine Oerter sonst den Degen abzuwetzen?
Wallt euch der Adern Saft, und wollt ihr Kühne seyn;
Habt ihr kein Sitzefleisch, rost euch der Degen ein,
So eilt wo Carl jezt kämpft, schwört Annens Sieges=Fahnen,
Da könt ihr euch den Weg zum Ehren=Tempel bahnen.
Hier zucket euren Stahl auf GOttes Feinde loß;
Da fechtet ritterlich und führet Stoß auf Stoß,
Zerbrecht der Feinde Arm, ertödtet die Tyrannen,
So tragt ihr größren Ruhm als im Duell von dannen.
Hier ist die Rosen=Bahn wo man mit Ehren ficht.
Mit Feinden kämpft aufs Blut; mit Brüdern aber nicht.
Der Türken wilder Schwarm haßt selbt dieß Unternehmen; (f)
Und Christen wollen sich bey solcher That nicht schämen.
Sind Hohe=Schulen wohl gestiftet und gesetzt,
Daß man daselbst so wild den scharfen Degen wetzt?
Solt dieses menschlich seyn, wenn uns ein Trunckner seegnet,
Daß man ihn voller Zorn gleich wie ein Löw begegnet,
Vernunft, Verstand und Witz und Großmuth unterdrückt,
Und mit ergrimmten Geist, Stab, Hand und Degen zückt,
Und seine Boßheit kühlt? Was schillt man die Barbaren,
Da Christen unter sich weit ärger noch verfahren.
Wo wahr wohl die Vernunft der Alten so verblendt,
Daß sie, von Zorn ergrimmt den Nächsten so geschändt,
Als wie die Höllen=Brut von Rach und Grimm jezt raset?
Wo hat man sich so gleich ein Schimpfwort angemaset?
Und wie anjezt geschieht, Processe draus gemacht?
Die Seele in Gefahr, die Hand ums Geld gebracht?
Soll dieses menschlich seyn; soll dieß vernünftig heisen,
Der Klugheit lezten Zahn aus seinem Mund zu reisen,
Damit die Raserey die That vollenden kan?
Aus Rache, Zorn und Grimm greift man den Nächsten an,
Man schnizt so gar den Kiel, will sonsten nichts gelingen,
Und ihn, wenns möglich wär, um Ehr und Gut zu bringen.
Wo ist die alte Zeit mit ihrer Tugend hin?
Wo hat ein Bürger jezt so einen stillen Sinn
Wie Israels Monarch und erster König hegte?
Als bey der Salbung sich der freche Pöbel regte.
Er that, als hörte er die tollen Worte nicht.
Ein Bürger unsrer Zeit schrie ihm ins Angesicht:
Ist dieses königlich? darf dieß ein Groser leiden?
Mir solte ehr ein Dolch das Herz in Stücke schneiden!
Bleib tapfrer David nur in deiner untern Welt,
Die dich zu deinem Glück in ihrem Abgrund hält.
Denn soltest du dein Reich zu unsrer Zeit verwalten,
Man würde dich gewiß vor mehr als närrisch halten.
Hof, Adel, Bürger, Knecht, Mars und Minerven Sohn
Verlachten dein Gemüth, und sprächen voller Hohn:
Er hat zur Zeit der Noth nicht Witz genug besessen,
Er hat sein Amt und sich und alle Ehr vergessen.
Soll das ein König sein, der andre retten will,
Und hält den Simei und seinen Steinen still?
Ist das ein Kriegesmann der kühne Feinde schläget,
Der selber Schimpf und Spott von einem Knecht verträget?
O Cäsar! der du dich so Großmuths voll bezeigt,
Wenn sich dein Widerpart vor deiner Hand gebeugt.
Die Großmuth hat bey dir die Rache überwunden.
Wo wird ein Cäsars Herz zu dieser Zeit gefunden?
Jezt heists: Was Großmuth? Was? so sprach das Alterthum.
Jezt heist es: Rache her! die Ehre muß auch Ruhm
Durch ein beherztes Schwerd, und nicht durch Feigheit suchen.
Es muß gerochen seyn; da geht es an ein Fluchen.
Ich weiß zwar wohl, daß wir sehr schwach an Kräften sind,
Und daß man nicht so leicht ein stoisch Herze find,
Das Schmipf, Gewalt und Schmach und Spott gelassen hören,
Und alles dulten kan, wenn sich die andern wehren.
Ich weiß auch, daß es schmerzt, wenn man die Tugend schilt,
Wenn man die Redlichkeit mit List und Trug vergilt,
Und auf das Ehren=Kleid der Lästrung=Ströme gieset.
Nur daß aus diesem Grund doch dieser Satz nicht flieset,
Daß man die Menschlichkeit deswegen gänzlich fliehn,
Und auf den Nächsten gleich den Degen müsse ziehn.
Und denen Bestien in hitzigen Geberden,
Ja was noch schlimmer ist, im Wesen ähnlich werden.
Lebt nicht die Themis noch, die deine Klagen hört?
Durch die dir Hülf und Recht ohn Ansehn wiederfährt?
Was meinst du? kan dich nicht der Themis Arm beschützen?
Soll denn ihr Schwerd umsonst und ohne Schlagen blitzen?
Drum fasse deinen Geist, wenn hier ein Löwe brüllt;
Wenn dort ein toller Hund in seiner Hütte billt;
So macht es König Saul, da er zum Thron gekommen;
Er that, als hätt er nicht die Lästerung vernommen.
Auch David hielt sich still da Simei so scharf
Um sein gesalbtes Haupt die Laster-Steine warf.
Verfluch, verwünsche nicht; du kanst den Fluch erlangen,
Denn eines jeden Werk wird seinen Lohn empfangen.
Kans ja nicht anders seyn, so wehr dich mit Verstand.
Laß allzeit der Vernunft in dir die Oberhand.
Glaub nicht so leicht, verzeih, und deut nicht alles böse;
Zeig deine Großmuth stets in ihrer wahren Gröse.
Begegne nicht dem Feind mit gleicher Bitterkeit;
Begegne ihm vielmehr mit viel Bescheidenheit,
Warn ihn vor Feind und Fall, befördre sein Gewerbe,
Ja sorge, daß er nicht etwann durch dich verderbe.
Vielleicht beschämet ihn dein schön und edles Thun,
Vielleicht läßt er dich denn hinfort in Frieden ruhn.
So hast du dich besiegt und auch den Feind bezwungen,
Und kriegst noch größren Ruhm als der, so viel errungen.
Gelingt dirs aber nicht; mehrt seine Boßheit sich;
So bleibe dennoch fest und unveränderlich,
Die Großmuth macht zuletzt der Feinde Säbel müde,
So wirst du dann vergnügt und lebst in stetem Friede.