Schweigt, schweigt ihr Physici, ich glaub euch nun nicht mehr,
Daß nur der Basilisk in wüsten Höhlen wär,
Man könte nirgends sonst die sehr verschmizte Schlangen,
Als nur in düstern Wald und Felsen=Ritzen fangen.
Das Paradieß hat sie so gut herfür gebracht,
Als wie das Tauben=Paar aus dem die Unschuld lacht.
Und ob sie GOtt auch gleich aus solchem Ort vertrieben;
So ist sie dennoch stets am schönsten Ort geblieben.
Der Schooß Germaniens, das deutsche Herz und Blut,
Ist jezt ihr Aufenthalt, alwo sie sicher ruht.
Sie hat sich an der Brust der Menschen umgeschlungen,
Daß auch ihr starker Gift durch Fleisch und Blut gedrungen.
Mir schaudert jezt die Haut, daß ich sie nennen soll,
Wie ist doch unsre Zeit von den Verläumdern voll?
Wo ist dein alter Ruhm o Deutschland! hingekommen?
Hat die Verläumdung dir den alten Glanz benommen?
Man sah der Klugen Ruhm vordem nicht neidisch an;
Man ehrt und liebte den, der sich hervor gethan,
Und vor das Vaterland gerahten und gestritten,
Frost, Hunger, Schläg und Durst und Pestilenz erlitten.
Zog einer im Triumph mit Sieges=Reisern ein,
So muste Blumenwerk sein schönster Zierath seyn,
Mit diesen suchte man die Helden zu verehren:
Ein jeder ließ darbei ein muntres Jauchzen hören.
Wer nach der Bürger Flor gerungen und gestrebt,
Und als ein Biedermann o schöner Ruhm! gelebt,
Die Wissenschaft geliebt, den Künsten nach gerungen,
Und sich mit freyem Geist vom Pöbel aufgeschwungen,
Dem war der Adel hold, der Bürger liebte ihn,
Der Nachbar sah sein Haus mit vielen Freuden blühn.
Dem, welcher hier zu Glück und zu Vermögen kommen,
Hat das Verläumdungs=Gift an Seegen nichts benommen.
Der Greisen Ehren=Kleid ward nicht durch Schaum befleckt,
Den der Verläumdungs=Mund aus seinem Halse streckt.
Der Jugend Tugend=Rock, der Weisheit güldne Spangen
Besudelte kein Koth. Fließt Thränen von den Wangen!
Weicht alte Tugenden, und geht in Trauer=Flor,
Mit kläglichem Gesang zu dieser Zeit hervor.
Vieleicht wird unsre Zeit dadurch einmahl gerühret,
Daß sie nach eurem Schmuck auch ein Verlangen spühret.
Doch nein! es ist umsonst! Die Welt verlacht euch nur;
Sie nimmt die Birke schon und peitscht euch aus der Flur.
Hinweg! hinweg! mit euch! schreyt die Verläumdung immer.
Mit Freuden mach ich stets der Menschen=Herzen schlimmer.
Der Greiß, den Schlaf und Haupt mit Silber=Farbe deckt,
Von dem man glaubt und meint, daß Tugend in ihm steckt,
Daß er aus Redlichkeit der Lügen widerstrebe,
Damit er jederman ein schön Exempel gebe.
Der raßt von Neid und Haß; speyt auf des Nächsten Haus,
Thun, Wandel, Ehr und Nahm Verläumdungs=Geifer aus:
Und eh sein Geifer stünd erdächt er eine Fabel.
Der Jüngling, welcher kaum das Gelbe erst vom Schnabel
Vor kurzen abgewischt; dem Ohr und Baart noch treuft,
Von dem man Anfangs meint, weil er zur Pallas läuft,
Er würde sich bemühn, der Tugend nachzuwandeln,
Der Weisheit nachzugehn, in allem klug zu handeln;
Der Rechte Gründlichkeit bedächtlich einzusehn;
Die Niederträchtigkeit des Pöbels zu verschmähn;
Den Sitten hold zu seyn; den Wohlstand zu betrachten,
Und das, was rühmlich ist im Herzen hoch zu achten.
Dem ist, wer sieht es nicht? Haupt und Gehirn verrückt,
Die Thorheit hat bereits das gute Korn erstickt,
Weil die Verläumdung ihn aus ihrer Brust getränket,
Und da er ihr gehorcht, gedoppelt eingeschenket.
Der Tugend werden selbst viel Flecken angedicht;
Der Fleiß wird spöttiglich verhöhnet und gericht;
Die Weisheit überkleidt ein Pinsel giftger Farben;
Der Unschuld Angesicht bezeichnet man durch Narben;
Der frömmste GOttes=Mann wird nicht davon verschont,
Sein treu und ehrlich Thun wird ihm mit Gift belohnt.
Ja die Gerechtigkeit muß sich fast auf der Gassen
Von dem Verläumdungs=Zahn zur Schmach verlästern lassen.
Des Bürgers Redlichkeit; des Weisen Tugend=Bahn,
Glück, Ehre, Keuschheit, Fleiß haucht, spritzt und speyt man an.
Käm Moses jezt aufs neu von Sinai gestiegen,
Und späch: Du solst den Freund und Nächsten nicht belügen;
Ja, käm der Heyland selbst aus seinem Himmelreich,
Und spräch: Wo ihr mich ehrt, so liebt euch unter euch,
Und was ihr selbst nicht wolt von euch gesaget haben,
Das bleibe auch in euch und eurer Brust vergraben.
Man schwiege wohl darzu mit kalten Lippen still;
Ja mancher dächte gar: ich thu doch, was ich will.
O Boßheit! solte nicht des Höchsten Zorn entbrennen?
Was die Vernunft befiehlt kan jederman erkennen,
Daß man als wie sich selbst den Nächsten lieben soll.
Wer zeigt so viel Vernunft, daß er recht Großmuths voll
Und tugendhaft erscheint; daß er des Nächsten Glücke,
Ruhm, Wohlfahrt, Weisheit, Stand und freundliches Geschicke
Mit frohen Augen sieht, und sich darbey ergetzt,
Weil ihn der Vorsicht Hand zum Seegen hat gesetzt?
Ein wahr und rühmlich Glied in Mensch=und Bürger=Orden
Vergnügt sich, wenn sein Freund und Nachbar groß geworden,
Wenn seine Wissenschaft und Fleiß den Ruhm erlangt;
Wenn er geliebet wird, wenn er in Ehren prangt.
Er lobt was Lobens werth, und sucht sich anzureitzen
Auf gleiche edle Art nach Glück und Ruhm zu geitzen.
Vor Neid, Verläumdung, Gift regt er die Ehrsucht an,
Die ihn, wie andre auch unsterblich machen kan.
Es ist ihm herzlich leid, wenn schwache Nächsten gleiten;
Er schweigt, und trachtet nicht die Fehler auszubreiten.
Er weiß, daß keiner nicht von aller Schwachheit frey,
Und er so gut als der und jener sündlich sey.
* * *
Der Mensch das dummste Thier, schreibt Neukirchs kluger Finger.
Der Mensch das dummste Vieh? Wie? Wird sein Stand geringer?
Was? Wär sein Adel fort, und seine Menschheit weg?
Ist Klugheit und Vernunft nicht seiner Handlung Zweck?
So solt es freylich seyn; man solte sich bestreben,
Den Regeln der Vernunft gehörig nachzuleben.
O! möchte doch sein Thun vernünftig, klug und rein,
Und seinem Nahmen gleich und niemahls viehisch seyn.
Man solte jederzeit mit Werk und That beweisen,
Es sey der Mensch ein Mensch, das Vieh nur Vieh zu heisen.
Allein, wo folgt der Mensch, die schönste Creatur,
Der Allmacht Meisterstück, der Vorschrift der Natur
Und ihrem Triebe nach? vergißt er nicht sein Wesen,
Worzu ihn Anfangs doch der Schöpfer auserlesen?
Ein ungeschickter Artzt hält sonst die Augen zu,
Wenn er den Kirchhof sieht, wo er zur langen Ruh
So manchen hingeschaft. Ein andrer Mensch erweget
Die Thorheit nicht so leicht. Wenn sich der Löwe reget,
Und zornig tobt und brüllt; wenn sich der Wolf entrüst
Und das gedultge Schaaf zerreist und schnaubend frist;
Wenn sich der wilde Bär zum Würgen fertig machet;
Wenn ein entschlafner Hund durch einen Trit erwachet,
Und den mit Zorn und Grimm in seinen Fortgang stöhrt,
Den er von weiten noch in seinen Schlaf gehört;
Dieß alles sieht der Mensch, und will nicht weiter gehen,
Er bleibt als wie das Vieh auf seiner Regung stehen;
Er schämt sich leider! nicht, daß er dem Thiere gleicht,
Und ihm an Rach und Zorn nicht im geringsten weicht.