Ihr Kinder! wenn vieleicht ein Herr von euch begehrt,
Dieß oder jens zu thun; die Arbeit zu vollenden,
Dieß Stück zu übergehn, und dieß zu übersenden.
So macht ein Compliment, und sprecht ganz höflich ja.
Und ist denn sonsten noch was zu erinnern da,
So zieht die Achslen nur, und sucht euch nicht zu sperren.
So baut ihr euer Glück und macht euch gnädge Herren.
Und wenn euch ja ein Wort von den Propheten droht,
So unterdrückt den Trieb, und werdet ja nicht roth;
Nehmt falsche Großmuth an, verlachet alle Schande,
So seyd ihr mit der Zeit die Herrlichsten im Lande.
Kein tapfrer General, der in dem Felde wacht,
Hat je mit solchem Glück die Herzen aufgebracht,
Als jetzt der Heucheley ihr Vorsatz ist gelungen.
Das Volk kommt Schaaren=Weiß in ihren Arm gesprungen,
Dem ungewohnten Ruf und starken Stadt=Geschrey
Fällt sonst der Pöbel nur und loß Gesindel bey,
Allein die Heucheley ist weit beglückter worden;
Von Männern von Verstand und aus berühmten Orden
Wird ihr beliebtes Reich mit aller Macht erbaut;
Ja Häupter, die man sonst vor Säulen angeschaut,
Um vor den Riß zu stehn, sind meistentheils bemühet,
In ihrem Dienst zu seyn, damit ihr Glücke blühet.
Hebt eure Augen auf, dort sitzt so mancher Mann,
Der Zung und Lippen hat, und doch nicht reden kan.
Ich glaub die Allmachts=Hand hat solche statt der Götzen
Zur wohlverdienten Zucht auf Erden lassen setzen.
Man heuchelt sich bey Hof und bey den Grösten ein,
Um nur ein Tafelgast und Tellerwisch zu seyn.
Um einen Becher Wein, um einen Wildpret=Braten,
Und höflich Compliment verricht man Judas Thaten.
Recht, Freyheit und Gebet, Lied, Kirchhof, Schrift und Wort,
Muß ohne Zwang und Noth, nur bloß ans Heuchlen, fort.
Und wo ein Redlicher im Volke zu erblicken
Den schwärzt man schändlich an, und sucht ihn zu ersticken.
Die Glaubens=Väter sind bey der Verläumdung kühn,
Wenn sie durch Lästerung um Fuchs=Schwanz sich bemühn.
Greift dort des Gegners Mund auf Lehrstuhl und Catheder
Kirch, Wort und Lehre an, und thut was sonst ein jeder
Nach Amt und Glaubens=Pflicht zu halten schuldig ist,
So ist man nicht so sehr mit Eifer ausgerüst,
Man schweigt, und trachtet nicht mit fest und ächten Gründen
Den Gegner öffentlich geschickt zu überwinden.
Das göttliche Gesetz befiehlet uns nicht nur
Zu eifern vor das Wort; die Regel der Natur
Hat auch in unser Herz der Ehrfurcht Trieb gegraben,
Vor unsre Glaubens=Lehr Sorg, Lieb und Muth zu haben.
Ein Heyd, ein Saracen, ein Mann vom Judenthum
Sorgt, weils natürlich ist, vor seiner Kirche Ruhm
Und eifert vor die Lehr, und wir erleuchte Christen,
Die wir uns mit dem Wort und ganzen Nachtmahl brüsten,
Sind in dem Eifer kalt, und in der Liebe lau.
Wo wiederleget man der Gegner Wort genau?
Wo suchet man den Schimpf der Kirche abzulehnen?
Und denen, die da schwach, den vesten Weg zu bähnen?
Wer vor der Kirche Ruhm und Ehr und Ansehn ficht,
Braucht gar nicht, daß er frech und lästerhaftig spricht;
Mit sanfter Freundlichkeit, bescheiden und gelassen
Kan man den Gegensatz in wenig Worten fassen.
Gleich wie der Heyland spricht, das Wort soll ungemein
Und lieblich; aber auch mit Salz gewürzet sein.
So aber schweiget man gleich wie zum Lästern stille,
Die Fehler groser Herrn erblickt man durch die Brille;
Den Reichen siehet man auch durch die Finger hin;
Denn Heuchlen bringet Gunst, Geschenke und Gewinn.
Wie hat die Heucheley den Geist so gar verblendet?
Wacht das Gewissen auf, so wird gleich eingewendet:
Red ich nach meiner Pflicht, so nimmt die Ehre ab.
Der Götter Gnade fällt, ich krieg den Wanderstab.
Ist nicht die Erde groß, wo gute Christen wohnen?
Die euch den Wanderstab mit besserm Glück belohnen?
Sagt, nennt mir einen nur, den man aus einer Stadt
Um GOttes Lehr und Ehr hinweg getrieben hat.
(O! liessen wir doch GOtt in allen Stücken walten!)
Ob ihm die Vorsicht nicht ein Zoar aufbehalten?
Wer ist der, wenn man ihn an seinem Ruhm verletzt,
Sich nicht darwieder legt? GOtt wird zurück gesetzt.
Vor seine Lehr und Ehr will man nicht muthig kämpfen,
Noch Feind und Lästerer mit Wort und Eifer dämpfen.
Wo werd ich hingerückt? Auf einmal stellt sich mir
Bey hellem lichten Tag ein Saal der Helden für,
Mit Helden, die beherzt, so stark sie nur vermochten,
Vor GOttes Wort und Ehr und seinen Ruhm gefochten.
Ein jedes Helden=Bild ist künstlich abgemahlt;
Im Tode sieht mans noch wie scharf ihr Auge strahlt;
Das kurze Sinn-Gedicht läßt uns ihr heilig Wesen
Zur Schande unsrer Zeit mit güldnen Worten lesen.
Dort zeigt sich Bileam mit dieser Überschrift:
Nicht Ehre, noch Geschenk hat meinen Geist vergift!
Ich habe Israel um kein Geschenk verfluchet,
Wo ist ein Seher jetzt der mir zu folgen suchet?
Da steht bey Pinehas: Der Eifer trieb mich an,
Daß mein erhitztes Schwerd den gröst und reichsten Mann
In Sünden nicht geschont, und seinen Hals zerbrochen,
Und meines GOttes Ehr nach Priester Pflicht gerochen.
Bey David ließt man dieß: Der Eifer vor dein Haus
Mein GOtt, gieng eher nicht als mit dem Leben aus.
Elias führt die Schrift: Ich hab vor GOtt gestritten,
Und Haß, Verfolgung, Neid deßhalb getrost erlitten.
Dort steht bey Amoz Sohn: Ich strafte groß und klein,
Damit mein Hirten=Amt GOtt möcht gefällig seyn.
Bey Jeremia heists: dem König und dem Knechte
Erklärt ich ohne Furcht des Höchsten Wort und Rechte,
Und scheute weder Fluch, Verfolgung, Band noch Hohn.
GOtt gab mir auch hiervor das Himmelreich zum Lohn.
Dort steht bey Daniel: GOtt ist ein GOtt der Götter,
Den ruft ich brünstig an, der ward auch mein Erretter.
Nicht Gold, noch Herrlichkeit nahm mich zum Abfall ein.
Jezt würd ich wohl ein Narr genennet worden seyn.
Johannes Schrift heist so: Ich lies mich ehr ermorden,
Eh ich am Fürsten=Hof ein Heuchler wär geworden.
Bey Paulo leß ich dieß: Ich floh die Heucheley,
Was Felix wissen muß, das sagt ich ohne Scheu.
Ich habe Hohn und Spott, Verfolgung und Verjagen
Um JEsu Wort und Lehr mit Freudigkeit getragen.
Hiermit verschwand der Saal mit allen Bilderwerk,
Und ließ mir diese Schrift zum letzten Augenmerk:
Der Helden Ehren=Bild wird in der Schrift gefunden,
Auf Erden ist ihr Geist und Bild, schon längst verschwunden.