Man sagt im Sprichwort sonst: Der Morgenröthe Licht
Das voller Glanz und Strahl in Fürsten Schlösser bricht,
Wird nicht von Prinzen leicht in ihrer Pracht gesehen;
Warum? sie pflegen oft am Mittag aufzustehen.
Jezt aft ein Bürgermann der Fürsten Mode nach,
Wenn um die Mittagszeit die Sonne das Gemach
Mit ihrem Strahl erfüllt, so weltzt man noch die Glieder,
So dehnt man noch die Arm im Bette hin und wieder.
Es macht dem Geist viel Müh, daß er den Willen bricht,
Daher man Thee, Caffee, ja Tobac, Pfeif und Licht
Gar oft ins Bett verlangt. Und wenn man auferstehet,
So heists: O! daß die Nacht so bald, so schnell vergehet.
Man klagt die Müh und Last des Lebens schmerzlich an,
Wenn man der Hände=Paar, den Mund benebst den Zahn
Zur Tischzeit regen soll. Ja was vor bittre Schmerzen
Fühlt man in seiner Brust, empfindet man im Herzen,
Wenn man zu Facultät und Richtstuhl wandern soll;
Wenn man zu Rathe gehn, wenn man drey Finger voll
Von Acten lesen muß. Wenn man auf Red und Fragen
Von Amt und von Beruf soll eine Antwort sagen.
Muß etwa der Client um Rechtliches verziehn,
Bey dem gelehrten Mann sich voller Angst bemühn,
Und um was weniges fast täglich an ihm regen.
So seufzt man: Ist doch Müh und Arbeit allerwegen.
Kein Knabe, wenn man schon die schlanke Birke regt;
Kein Mann, wenn ihn die Frau an ihrem Reichstag schlägt,
Kan sich so jämmerlich geberden oder stellen,
Als ihm die Thränen hier aus seinen Augen quellen.
Da wünscht er, tobt und flucht: Wie wird man nicht geplagt!
Ja wohl, so fährt er fort, hat David recht gesagt,
Daß Arbeit, Müh und Last bey unserm Leben wäre:
Daß Haupt=Schmuck, Rock und Kleid auch seine Last vermehre.
Das grose Licht der Welt theilt sonst die Stunden ein,
Und ordnet wenn es Tag, und wenn es Nacht soll seyn;
Allein der Müßiggang setzt andre Zeit und Gränzen,
Wenn um die Morgenwach Aurorens Strahlen glänzen;
So liegt und schlummert er noch in der ersten Ruh.
Deckt aber alles Fleisch ein stiller Schatten zu,
So pflegen allererst die Augen aufzuwachen,
Da will man erst ein Stück von Schrift und Acten machen,
Und denkt nicht, daß man sich das schönste Licht verblendt,
Wenn man ein Fremdes braucht, und Geld darzu verschwendt.
Ihr Lehrer von Athen! ihr alt berühmte Weisen!
Wie glücklich seyd ihr nicht vor aller Welt zu preisen,
Weil eurer Schüler Geist um Pallas Rauch=Altar
Und um den Musen=Hayn still, klug und emsig war?
Kein ferner Weg, kein Schweiß, kein stark und mühsam Schwitzen,
Kein ungebundner Fleiß, kein weises Stillesitzen,
Noch Lesen ward gespart; man rang nach Kunst und Ruhm,
Und schmückte durch den Fleiß der Musen Heiligthum.
Wo ist der stille Fleiß der Alten hingekommen?
Weint Musen! denn er wird jezt nicht wie vor vernommen.
Kommt Musen! klagt und seufzt, denn euer Helicon
Beschimpft der Trägheit Freund, befleckt der Faulheit Sohn.
Wer hört Aurorens Mund den guten Morgen sagen?
Wer kan das Sitzefleisch biß in die Nacht vertragen?
Wird Sträusand wohl so viel als Schnupftoback verthan?
Wer greift die Federn mehr als lange Pfeiffen an?
Der Karten Menge muß der Bücher Zahl ersetzen;
Den Degen sucht man jezt mehr als den Kiel zu wetzen.
Ein blöckendes Geschrey geht Musen=Liedern für.
Der Lais freche Stirn wird aller Musen Zier,
Ja selbst Eusebien und Themis vorgezogen.
Ja, spricht ein Edelmann: Wer Bürger=Milch gesogen,
Der mag ein Bücher=Wurm und kahler Schulfuchs seyn,
Und an dem todten Mund der Pallas sich erfreun.
Das thut kein Adlicher. An statt der Bürger Grillen,
Soll ein lebendig Buch uns Schooß und Hände füllen.
Wir stellen unserm Geist ein aufgeführtes Thor,
Die Steine in der Stadt als unsere Feinde vor,
Da suchen wir beherzt die Degen abzuwetzen,
Und sie als wie im Krieg, auf ärgste zu zerfetzen.
Und also zeigen wir, eh sich der Krieg noch regt,
Zum voraus wie man kämpft, und auf die Feinde schlägt.
Wer nennt es wohl galant, wenn man im Winkel lebet,
Und wie ein Seidenwurm sich unter Bücher gräbet?
Gescherzt, getanzt, gelacht, gesungen und gespielt,
Auf einer Lais Mund die Hitze abgekühlt,
Getrunken und gefezt, das heist galant gewandelt,
So hat mein Oheim sonst und Ahn=Herr auch gehandelt.
O! schlüge mir mein Wunsch und Sehnen jezt nicht fehl,
Schlöß sich zu dieser Zeit das herrlichste Serail
Des größten Königs auf, wie viele kluge Frauen
Und Jungfern würde man in seinen Mauren schauen.
Wie lobt nicht Salomo des Frauenzimmers Zucht,
Wenn es den Müssiggang mit allen Ernst verflucht.
Wenn Nadel, Zwirn und Flachs und kluges Hausregieren
Der Frauenzimmer Arm mit munterm Fleiße zieren?
O weisester Monarch! jezt würde man dein Haus
Von Arbeit ledig sehn; ich weiß, man rufte aus:
Hat denn der König sich und uns so gar vergessen?
Wie? soll sein Frauenvolk? wie? sollen die Maitressen
Vor Rahm und Rocken stehn? Der König braucht den Leib
Zu seiner Augen=lust, zu seinem Zeitvertreib,
Uns aber will er nicht die kleine Lust vergönnen,
Daß wir spazieren gehn, und uns ergötzen können?
Wie? sollen wir das Brod das unser Mund verzehrt
Verdienen, daß die Hand sich also selber nehrt?
Wer unsern Leib genießt, der mag uns auch versorgen,
Und solt er selbt das Geld zu unsrer Tafel borgen.
Wo ist zu dieser Zeit ein Weib, das groß und reich,
An Wirthschaft und an Fleiß der schönen Sara gleich?
Wo ist ein edles Kind in unsern deutschen Auen
So häußlich, so geschickt als Jacobs Braut zu schauen?
Tabeens nette Hand, ihr künstlich kluger Fleiß,
Erhielt wohl schwerlich jetzt den Thränen=reichen Preiß,
Den noch ihr Toden=Bret und Leichen=Tuch genosse,
Indem ein Zähren=Bach aus vielen Augen flosse;
Es ist nicht mehr die Zeit da man nur wenig schlief,
Und bald nach allen sah, nach allen selber lief,
Den Kindern und Gesind des Fleises Beyspiel wiese,
Und sich auf andre nicht, nein, auf sich selbst verliese.
Was kostets nicht vor Müh, eh man um Zehn erwacht,
Kleid, Wäsche, Band und Schu zum Anzug fertig macht?
Wie stiehlt man nicht die Zeit, wenn man die Haare stutzet,
Und seine freche Stirn zur Lust und Hoffart putzet?
Des Fensters ofnes Glaß, so mancher Pflaster=Trit,
Thee, Wein, Caffee und Spiel nimt Zeit und Tugend mit.
O! wie wird nicht die Zeit so liederlich verschwendet,
Wenn sich der Plauder=Mund zur Nachbarinnen wendet?
So schön Lucretia, so groß, so reich sie war,
So wieß sie doch der Welt und zeigte offenbar:
Daß Wirtschaft, Fleiß und Müh kein reiches Weib beflecke,
Vielmehr Huld, Ehre, Gunst bey jederman erwecke.
Ich höre schon wie mich das Frauenzimmer schimpft;
Und über meinen Reim die Nase höhnisch rümpft.
Ich höre albereits, wie sie so sinnreich schwatzen,
Wie sie Elihu gleich von Weisheit möchten platzen.
Man hält mir klüglich für: Wie manches Wunderwerk
War in der alten Zeit ein herrlich Augenmerk;
Wie manche Krieges=Kunst gieng ehedem im Schwange;
Wer weiß die Mode nicht, wie mancher lief und sange
Wenn hier ein Hochzeit=Fest und dort ein Einzug war;
Wenn eine Kreisende ein Kind zur Welt gebahr.
Wie die Philosophi vordem die Weisheit trieben;
Wie sie so wunderlich von Erd und Himmel schrieben.
Wie ward die Policey und Richter=Amt bestellt?
Drum weil denn nichts besteht und ewig dauer hält,
So ist dieß alles auch von Zeit zu Zeit verschwunden.
Wie viel vortrefliches hat unsre Welt erfunden?
Man kriegt, man lehrt, man baut nicht mehr wie ehedem,
Man ordnet, schaft und macht so wie es uns bequem,
Und jezo Mode ist; sind nun der Männer Stunden
Und Moden jezt nicht mehr ans Alterthum gebunden;
So sind wir ebenfals von alten Sitten loß.
Wo war vordem ein Weib wie jezt am Geiste groß?
Wie niederträchtig hieß ihr Wandel, Thun und Wesen,
Da sie den Schäferstab, den Wasser=Krug und Besen
Getragen und geführt; wenn sie den Flachs geklopft,
Die Kuchen selbst geknett, die Brunnen selbst verstopft,
Die Sichel angefaßt, wenn man die Garben bande?
Ziert das ein Frauenbild von reich und gutem Stande?